Ist es möglich, jedem Problem ohne dieses Raum-Zeit-Intervall entgegenzutreten, ohne Kluft zwischen sich und dem, wovor man sich fürchtet? Es ist nur möglich, wenn der Beobachter nicht fortbesteht, der Beobachter, der die Bilder schafft, der eine Kollektion von Erinnerungen und Ideen ist, ein Bündel abstrakter Begriffe.
  Wenn Sie auf die Sterne schauen, sind Sie es - ein Mensch, der auf den Sternenhimmel schaut. Der Himmel ist überflutet mit leuchtenden Sternen, kühl ist die Luft, und da stehen Sie, der Beobachter, der Erfahrende, der Denker, Sie mit Ihrem sehnsuchtsvollem Herzen, Sie, das Zentrum, das den Zwischenraum erzeugt. Sie werden nichts von dem Raum zwischen sich und den Sternen verstehen, zwischen sich und Ihrer Ehefrau oder dem Ehemann oder dem Freund, weil Sie niemals ohne das Bild geschaut haben. Und darum wissen Sie nicht, was Schönheit ist, was Liebe ist. Sie sprechen darüber, Sie schreiben darüber, aber Sie haben sie niemals erfahren, ausgenommen vielleicht in seltenen Augenblicken völliger Selbstpreisgabe. Solange ein Zentrum besteht, das den Abstand erzeugt, gibt es weder Liebe noch Schönheit.Wenn kein Zentrum da ist und kein trennender Umkreis, dann ist Liebe da. Und wenn Sie lieben, sind Sie Schönheit.
  Wenn Sie auf ein Gesicht Ihnen gegenüber schauen, tun Sie es von einem Zentrum aus, und dieses Zentrum erzeugt die Distanz zwischen Mensch und Mensch. Darum ist Leben so leer, darum sind wir so gleichgültig. Sie können Liebe und Schönheit nicht entwickeln, Sie können auch die Wahrheit nicht einladen; aber wenn Sie jederzeit dessen gewahr sind, was Sie tun, können Sie das Gewahrsein verfeinern, und in diesem Gewahrsein fangen Sie an einzusehen, was es mit der Freude, dem Verlangen und dem Leid auf sich hat. Sie sehen die unsägliche Einsamkeit und Langeweile des Menschen, und dann werden Sie auf das treffen, das “Raum” genannt wird.
  Solange ein Abstand zwischen Ihnen und dem Objekt, das Sie betrachten, besteht, werden Sie erleben, dass keine wahre Liebe möglich ist, und ohne Liebe - wie sehr Sie sich auch anstrengen mögen, die Welt zu reformieren oder eine neue soziale Ordnung hervorzubringen, wieviel Sie auch über Verbesserungen sprechen mögen -, ohne Liebe werden Sie nur weiteres Elend erzeugen. Darum liegt es an Ihnen! Es gibt keinen Führer, es gibt keinen Lehrer, es gibt niemanden, der Ihnen sagt, was zu tun ist. Sie sind allein in dieser verrückten, brutalen Welt.

Jiddu Krishnamurti | Einbruch in die Freiheit | Leitbilder | Herausgegeben von Mary Lutyens | Aus dem Englischen von Erich Schmidt | ISBN-10:3-7787-8034-4 ISBN-13:978-3-7787-8034-3 | S. 92-93

2008-10-09 | achtphasen | 13:48:34 | Email | comment




 

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