Das Ziel weicht vor uns zurück. Je weiter der Fortschritt, desto grösser die Erkenntnis unserer Unwürdigkeit. Befriedigung liegt in der Anstrengung, nicht im Erreichen. Vollkommene Anstrengung ist vollkommener Sieg.
Young India, 9. März 1922

 
 

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Gewaltlosigkeit
 
Wenn eine Person behauptet, gewaltlos zu sein, wird von ihr erwartet, auf keinen, der sie verletzt, zornig zu sein. Sie wird ihm nichts Böses wünschen, sondern nur Gutes; sie wird ihn nicht verfluchen; sie wird ihm keine physischen Schmerzen zufügen. Sie wird alle Verletzungen erdulden, denen sie durch Peiniger unterworfen ist. Mithin ist Gewaltlosigkeit vollkommene Unschuld. Vollkommene Gewaltlosigkeit ist die vollkommene Abwesenheit von Uebelwollen gegen jedwedes Leben. Dies schliesst sogar nicht-menschliches Leben ein, selbst lästige Insekten oder Tiere. Sie wurden nicht geschaffen, um unsere zerstörerischen Neigungen zu befriedigen. Wenn wir nur den Geist des Schöpfers verstünden, würden wir ihren richtigen Platz in der Schöpfung erkennen. Gewaltlosigkeit in ihrer aktiven Gestalt ist demnach Wohlwollen gegenüber allem was lebt. Sie ist reine Liebe. Ich lese sie in den heiligen Schriften, in der Bibel, im Koran.
 Gewaltlosigkeit ist ein vollkommender Zustand. Sie ist das Ziel, auf das die ganze Menschheit naturgemäss, wenngleich unbewusst, zustrebt. Wenn der Mensch die Unschuld in sich verkörpert, wird er nicht göttlich, sondern erst wahrhaft menschlich. In unserem gegewärtigen Zustand sind wir teils Mensch und teils Tier und behaupten in unserer Unwissenheit und sogar Arroganz, uns unserer Spezies entsprechend zu verhalten, wenn wir einen Schlag mit einem Schlag erwidern und das für diesen Zweck erforderliche Ausmass von Zorn entwickeln. Wir reden uns ein, Vergeltung sei das Gesetz unseres Daseins, wohingegen wir in jeder Schrift finden, dass Vergeltung nicht Pflicht ist, sondern bestenfalls zulässig. Beherrschung ist Pflicht. Vergeltung ist eine Schwäche, die genaue Regulierung verlangt. Beherrschung ist das Gesetz unseres Dasein. Denn höchste Vollkommenheit ist ohne äusserste Beherrschung nicht erreichbar. Mithin ist Leiden das Kennzeichen des menschlichen Geschlechtes.

 
 

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Die Sünde der Unberührbarkeit
 
Unberührbarkeit ist kein heiliges religiöses Gebot, sondern eine Erfindung des Satans. Der Teufel zitiert immer die Schriften. Doch Schriften reichen nicht über die Vernunft und die Wahrheit hinaus. Sie sind dazu gedacht, die Vernunft zu reinigen und die Wahrheit zu beleuchten. Ich werde kein makelloses Pferd verbrennen, nur weil die Veden dieses Opfer angeblich anrieten, duldeten und billigten. Für mich sind die Veden göttlich und ungeschrieben. “Buchstaben töten.” Es ist der Geist, der das Licht bringt. Und der Geist der Veden ist Reinheit, Wahrheit, Unschuld, Keuschheit, Demut, Einfachheit, Vergebung, Frömmigkeit und alles, was Männer und Frauen edel und tapfer macht. Es ist jedoch weder edelmütig noch tapfer, die grosse und klaglose Masse der Kastenlosen unserer Nation übler zu behandeln als Hunde, sie zu verachten und anzuspeien.

Young India, 19. Januar 1921

 
 
 

Mahatma Gandhi | Was ist Hinduismus? | insel taschenbuch 3206 | ISBN 3-458-34906-5

2008-10-03 | achtphasen | 12:28:12 | Email | comment




 

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