Nur wenn wir ohne jede vorgefasste Meinung, ohne Leitbild sehen, sind wir fähig, mit allen Gegebenheiten des Lebens unmittelbar Kontakt zu haben. Unsere ganzen Beziehungen sind in Wirklichkeit nur eingebildete, das heisst, sie basieren auf Vorstellungen, die vom Denken ausgehen. Wenn ich von Ihnen ein Bild habe, und Sie ein Bild von mir, so sehen wir einander natürlich nicht so, wie wir wirklich sind. Was wir sehen sind die Bilder, die wir voneinander geschaffen haben und die uns verhindern, miteinander in Kontakt zu kommen; und aus diesem Grunde klappt es mit unseren Beziehungen nict.
Wenn ich sage: “Ich kenne Sie", meine ich damit, dass ich Sie gestern kannte. Ich weiss nicht, wie Sie jetzt sind. Alles was ich kenne, ist meine Vorstellung von Ihnen. Dieses Bild setzt sich zusammen aus dem was Sie zu meinem Lob oder meinem Tadel gesagt haben, wie Sie sich mir gegenüber benommen haben. Das Bild ist zusammengestückelt aus alten Erinnerungen an Sie - und Ihr Bild von mir ist auf die gleiche Art entstanden. Und diese bildbedingten Beziehungen hindern uns an einer wirklichen gegenseitigen Verständigung.
Zwei Menschen, die lange Zeit zusammen gelebt haben, tragen ein Bild voneinander in sich, das eine echte gegenseitige Beziehung verhindert. Wenn wir das Problem der Beziehungen verstehen, können wir miteinander arbeiten; eine Zusammenrbeit wird aber durch Bilder, durch Symbole, durch ideologische Vorstellungen unmöglich. Nur wenn wir um echte gegenseitige Beziehung wissen, ist Liebe möglich, und Liebe wird durch Bilder, die wir uns schaffen, verneint. Darum ist es wichtig, dass wir erkennen - nicht mir dem Verstand, sondern als Tatsachen unseres täglichen Lebens -, wie wir Bilder von unserer Ehefrau, unserem Ehemann, unseren Nachbarn, unserem Kind, unserem Vaterland, unseren Führern, unseren Politikern, unseren Göttern aufgebaut hben - wir haben nichts als Bilder.
Diese Bilder erzeugen den Abstand zwischen Ihnen und dem was Sie beobachten, und in diesem Raum liegt der Konflikt. Wir wollen daher jetzt herausfinden, ob es möglich ist, von dem Raum frei frei zu sein, den wir nicht nur ausserhalb von uns sondern auch in uns schaffen, von der Distanz, die die Menschen in allen ihren Beziehungen trennt.
Nun, die tiefe Aufmerksamkeit, mit der Sie sich einem Problem zuwenden, ist die Kraft, die dieses Problem löst. Wenn Sie voller Achtsamkeit sind, das heisst, mit allem was in Ihnen ist, dann gibt es keinen Beobachter mehr. Dann ist nur der Zustand der Achtsamkeit da - eine totale Energie, und diese Energie ist höchste Intelligenz. Natürlich muss der Geist in diesem Zustand vollkommen ruhig sein, und dieses Schweigen, diese Stille kommt mit der völligen Achtsamkeit; es ist nicht eine Stille, die durch Schulung gewonnen wurde. Dieses völlige Schweigen in dem es weder den Beobachter noch den beobachteten Gegenstand gibt, ist die höchste Form des religiösen Geistes. Was sich aber in diesem Zustand erignet, kann nicht mit Worten gesagt werden; und das, was mit Worten gesagt wird, ist nicht die Tatsache. Um es zu entdecken, müssen Sie es selbst erleben.
Jedes Problem ist mit jedem anderen Problem verknüpft. Wenn Sie ein Problem vollkommen lösen können - es kommt nicht darauf an, welcher Art es ist -, werden Sie sehen, dass Sie fähig sind, allen anderen Problemen mühelos zu begegnen und sie zu lösen. Wir sprechen selbstverständlich von psychologischen Problemen. Wir haben bereits gesehen, dass ein Problem nur in der Zeit existiert, das heisst, wenn wir das Problem nicht sogleich und richtig anpacken. Darum müssen wir nicht nur der Natur und der Struktur des Problemes gewahr sein und es ganz und gar sehen, sondern müssen es erfassen, da es auftaucht, und es augenblicklich lösen, so dass es im Bewusstsein keine Wurzeln schlagen kann. Wenn man duldet, dass ein Problem einen Monat oder einen Tag oder auch nur ein paar Minuten andauert, dann zerstört es den Geist. Ist es nun möglich, einem Problem unmittelbar entgegenzutreten, ohne jede Verdrehung, und sich augenblicklich und vollkommen von ihm zu lösen, ohne das Erinnerung, eine Schramme zurückbleibt? Diese Erinnerungen sind die Bilder, die wir mit uns herumtragen, und mit diesen Bildern treten wir diesem Ungewöhnlichen, das wir Leben nennen, entgegen; daraus entsteht dann Widerspruch und folglich Konflikt. Das Leben ist äusserst real, es ist keine Abstraktion, und wenn Sie ihm mit Bildern begegnen, entstehen Probleme.
2008-09-28 | achtphasen | 21:07:05 |
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