Die zweite Stufe heisst 'Niyama'. Sie erfordert weitere Zucht mit dem Ziel der inneren und äusseren Reinheit. Nur äussere Reinheitsvorschriften, eine Hygiene wie wir sie in unserer westlichen Welt kennen, führen nicht zum wahren Ziel. Inneres und Aeusseres müssen in gleicher Weise 'rein' werden. In unseren Seelenfunktionen des Denkens (Vorstellens), Fühlens und Wollens muss die 'Reinheit' angestrebt werden. Nur 'Reines' kann sich mit der Wahrheit in rechter Weise verbinden.
Denken wir an jene Szene im Evangelium, in welcher der Christus bei seinen Jüngern die 'Fusswaschung' vornimmt. Mit seinen Füssen schreitet der Mensch zu Taten. Taten werden Schicksal. In Tat und Schicksal wirkt der Wille des Menschen. Die 'Fusswaschung' besagt so auch, dass der Wille des Menschen von Grund auf, von unten her, gereinigt werden muss. Das gilt besonders für die Jünger, die die 'Nachfolge' antreten wollen. Ein äusseres Geschehen deutet einen geistig-seelischen Vorgang an. Etwas, was sich auf der untersten Ebene, jener der Sinne, abspielt, kann sich zugleich auf seelisch-geistigem Gebiete unsichtbar vollziehen und 'bedeutet' dann noch etwas ganz anderes. An diesem Beispiel kann erkannt werden, welch anderer Art die Wahrheit im Spirituellen ist als in der physisch-sinnlichen Welt. Es wurde gesagt, dass die Willenssphäre des Menschen 'gereinigt' werden müsse, wenn man dem im Yoga erstrebten Ziel näher kommen will, und dass wir mit unseren Gliedmassen zu Tat und Schicksal schreiten. Auf der 2. Stufe des Yoga kommt es nun darauf an, den Frieden in sich herzustellen. Das erfolgt über die Aussöhnung mit seinem Schicksal. Jeder Hader mit ihm versperrt uns den Weg zur Freiheit!
Freilich, es ist wiederum so, dass man nicht einfach jede Regung der Unzufriedenheit mit seinem Schicksal unterdrücken kann. Das könnte sogar zu Krankheiten führen. Sie sind aber nie Ziel des Yoga. Es muss eine echte Aussöhnung mit dem Schicksal stattfinden. Das kann nur sein, wenn man erkennen lernt, dass im Schicksal geistige Gesetze wirken, in denen das höhere Wesen des Menschen selber waltet. Wir müssen uns um das Gesetz von Reinkarnation und Karma (Wiedergeburt und selbstgestaltetes Schicksal) kümmern, müssen mit ihm leben. Schon nach einiger Zeit werden Welt und Schicksal für uns ein anderes Gesicht annehmen. Das Schicksal ist nichts Fremdes, von Aussen kommendes, nichts Willkürliches. Wir haben es in früheren Existenzen selber geschaffen, in ihm waltet ein geistiges Kausalgesetz! Dem Schicksal gegenüber ist der Mensch wie im Zustande des Trancebewusstseins. Er begibt sich in jenem Moment zu einem bestimmten äusserlichen Geschehen an bestimmtem Ort. Dort geschieht Schicksal. In grossen Stationen ergibt sich der Weg unseres Lebens aus dem, was wir an Schicksalssaat im vorigen ausgestreut haben. Damit ist keineswegs die Freiheit verneint. Frei sind wir in der jeweilgen Gegenwart, in der wir künftiges Schicksal ständig schaffen und die Impulse unseres Handeins einsehen lernen, bevor das Rad des Kausalgesetzes zu laufen beginnt. Von der Vergangenheit sind wir nicht frei. In keiner Weise widerspricht das etwa den Lehren des Christentums. Der Christus sagt seinen Jüngern, dass niemand hoffen darf von dannen heraus zu kommen, bevor er nicht seine Schulden bezahlt habe. (Matth. 5, 26.) Das aber ist ein Karmagesetz! Ihm unterstehen wir. Läuterung und Reinigung unserer Seele in Verbindung mit einer Steigerung unserer Denkprozesse als solchen des inneren, eigenen Lichtes, ermöglicht uns einen Bewusstseinsgrad, von dem aus wir bewusst Schicksal der Zukunft schaffen. Insoweit verbindet sich Freiheit und Notwendigkeit in unserem Schicksal. Die höhere Erkenntnis der Gesetze des Karmas ermöglicht uns, den inneren geistig-seelischen Gleichgewichtszustand zu erringen. Unser höheres Ich ist das geistige Hypomochlion an der Waage unseres Schicksals und unseres Seelenlebens. Durch das Studium, das für die Stufe des Niyama vorgeschrieben war, können wir zum inneren Frieden kommen, zum Ausgleich der beiden Waagschalen, deren Auf und Ab dem inneren Seelensturm entsprechen. Durch Einsicht kommen wir zur Ausgeglichenheit, wissend, dass jenes was geschehen muss, auch geschehen wird. Meine 'Stunde' habe ich in Geduld abzuwarten. Lernen muss ich, friedvoll zur Welt zu stehen. 'Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gotteskinder heissen', ist im 5. Kap. d. Matth. Ev. zu lesen. 'Gottes Kinder' war eine Bezeichnung für jene Menschen, die ihrem höheren Wesen zum Durchbruch verhelfen konnten.
Bevor die eigentlichen Uebungen begannen, wurde gefordert, dass der Mensch sich in seinem geistig-seelisch-leiblichen Gefüge so lockert, dass er zu einem höheren Lebensbegriff kommt. Der Wunsch, sich mit der spirituellen Wahrheit zu verbinden, muss sich als ein echter erweisen. Der Blick muss von dem, was die Seele an das Irdische bindet, auf ein höheres Ziel gerichtet werden. Das ist nur durch einen Läuterungsprozess möglich. Es folgt die durch Studium heiliger Texte zu leistende Erkenntnisarbeit. Sie zeigt uns Gesetze des Geistes im Schicksal jedes Einzelnen. Sie erweitert des Menschen Blick so weit, dass er nicht nur die kurze Spanne zwischen Geburt und Tod schaut, sondern auch auf die vorgeburtliche und nachtodliche Existenz in den Sphären. Die Erkenntnis der wahren Zusammenhänge führt uns zur Aussöhnung mit dem Schicksal. Erst mit der erzielten inneren Seelenruhe, in der man keine Forderungen an das Schicksal stellt, ist der Aspirant so weit, dass er überhaupt mit weitergehenden Uebungen anfangen kann. Es wird werden, was ich erstrebe, wenn mein Reifeprozess soweit ist. Das ist etwas, was er sich sagen muss. Dass er den einmal erreichten Zustand der Seelenruhe nicht fortgesetzt erhalten kann, ist klar. Das macht auch nichts. Auf die Ausbildung der Fähigkeit, den inneren Waagezustand des Friedens jederzeit wieder herstellen zu können, kommt es an. Ein Wort sei hier zu dem Studium 'Heiliger Schriften' gesagt. Der Verfasser des Vorwortes der hier zitierten Arbeit, Baron Dr. H. H. von Veltheim, sagt in noch unveröffentlichten 'Aphorismen' zu diesem Punkte: "Zum Lesen und Verstehen sogenannter 'Heiliger Schriften' und der meisten von Asiaten geschriebenen, sowie okkulter Bücher, bedürfen wir heutigen Europäer und Amerikaner eines, leider noch nicht vorhandenen, aus westlicher Esoterik verfassten Wörterbuches."
Wir haben heute nicht mehr ohne weiteres Zugang zu den alten Schriften, weil sich unsere Bewusstseinslage verändert hat. Man braucht einen Schlüssel, den man sich erst erarbeiten muss.
2007-01-28 | achtphasen | 22:24:52 |
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