Die erste Stufe heisst 'Yama'. Sie ist die ethische Grundlage der Schulung. Yama ist zugleich der Name des indischen Totengottes, der in die Geheimnisse des Yoga einführt. Es mag sein, dass dieser Name als Bezeichnung der untersten Stufe der Yogaschulung gerade deshalb gewählt wurde, weil es zum grundlegenden Wissen gehört, dass Erkenntnis und Tod verwandt sind. Aus Leid erwächst Erkenntnis. Tod ist des gewöhnlichen Menschen grösstes Leid, so dass aus ihm auch höchste Erkenntnisse erwartet werden dürfen. Stirbt der Mensch so wird er in den seelisch-geistigen Kosmos hineingeboren. Die Erdengeburt dagegen ist ein Tod in den Sphären des Geistes. So kehren sich für denjenigen, der den Pfad zu gehen beginnt, diese Begriffe grundlegend um! Der Tod räumt Hindernisse, die den Menschen von der göttlichen Welt trennen, hinweg. Er wird nicht mehr gefürchtet, sondern seinem wahren Wesen gemäss erkannt. Jede Erkenntnis räumt Hindernisse der Seele und des Geistes hinweg; Erkenntnisprozesse sind Todesprozesse. Der Tod wird zum Freund. In der rechten und durchdringenden Meditation macht der Mensch im Leben bleibend das durch, was der 'Profane' erst im Tode selbst erfahren kann: er kommt zur Vereinigung mit der Wahrheit, zur Kommunion mit der göttlichen Welt. In den vorchristlichen Einweihungen, z.B. derjenigen im alten Ägypten, wurde der Neophyt in einen todesähnlichen Schlaf versetzt, während der Priester und seine Gehilfen Macht hatten, seine Seele samt seinen damals noch lösbaren Lebenskräften aus dem Leibe austreten zu lassen. Der Neophyt erlebte die makrokosmische Welt mit ihren Geheimnissen. Seine Seele wurde nach drei Tagen in den Körper so zurückgeführt, dass die Geisterlebnisse im Gedächtnis blieben. Nun war er ein Eingeweihter. Heute ist das nicht mehr möglich. Auf dem Yogapfad bleibt jeder Aspirant auf sich selbst gestellt. Auch ein etwaiger Guru (Lehrer) kann ihm nur Ratschläge geben. Schon auf der ersten Stufe ändert sich die Welt. Man kommt mehr und mehr zu ihrem Sinn, zu dem was "sie im Innersten zusammenhält". Dabei eben muss man bereit sein, festgefahrene Begriffe aufzulösen und neu zu bilden. Eigentlich sind wir in unseren Begriffen sehr viel festgefahren und in Sackgassen geraten. Man muss bereit sein, feste Begriffe flüssig zu machen.
Was nun auf der ersten Stufe nötig wird, ist die moralische Läuterung. Sie ist eine Art Vorbereitung. Geht man doch zur Hochzeit in einem festlichen Gewand. Da es die Seele ist, die hier zur Hochzeit geführt wird, muss es auch die Seele sein, die sich reinigt, läutert und festlich stimmt.
Einer jener Begriffe, der einen neuen Sinn erhält, ist der des Eigentums. Irdischer Besitz ist etwas, was man in die Geisteswelt nicht mitnehmen kann. Wer also vom Göttlichen etwas erwerben will, muss die Fähigkeit haben, sich völlig frei von Besitz zu machen. Es ist nicht gesagt, dass er 'nichts' besitzen soll. Er muss aber bereit sein sich jederzeit von ihm zu lösen. Man gebe sich dabei keiner Selbsttäuschung hin.
Ebenso war das Gebot der Keuschheit vorgeschrieben. Das besagt vor allem, dass man Herr sein muss über Begehren und über die niedere Sinnlichkeit bis in seine Gedanken hinein. Es wäre ein verfehlter Weg, wenn man durch gewaltsame Unterdrückung natürlicher Vorgänge glauben wollte, zum Ziel zu gelangen. Wenn man die Übungen macht und 'seinem Sinnen und Trachten' einen anderen Konzentrationspunkt als den gewöhnlichen im Gebiet des Sinnlichen gibt, so läutern sich auch diese Vorgänge. Sie werden auf eine andere Erlebnisebene gehoben; der Mensch verliert sich dann nicht mehr in diesen Dingen. Die Keuschheit in Gedanke, Wort und Tat ist ein Ziel. Auf das was angestrebt wird, kommt es an. Die Kräfte und Wünsche müssen auf das Ziel gerichtet und bewegt werden. Dabei tritt dann nach und nach in zunehmendem Masse das Erstrebte als Folge ein. Im Streben entwickeln sich die höheren Kräfte und Fähigkeiten. Selbst wenn man nicht zum Ziel kommt, ist es doch von grösster Bedeutung, dass man sich auf den Weg zu ihm begeben hat.
Für den Aspiranten gilt ein unabdingbares Gebot: die Schonung allen Lebens. Mag ihm dies auch in Gestalten und Formen entgegentreten, die verabscheuungswürdig zu sein scheinen, er muss eingedenk dessen sein, dass das Leben zum 'Einen Leben' gehört und einen geistigen Aspekt hat. Das Ewige ist es, das sich in ihm regt. Es ist nicht gesagt, das nun andere Menschen dadurch weniger wertvoll seien, die sich an dieses Gebot nicht halten. Ein moralisches Werturteil hat man hermit nicht zu verbinden. Für denjenigen, der sich entschlossen hat den 'Pfad' zu gehen gilt dieses Gebot als ein unbedingtes. Wenn es das Streben des Yoga ist, zur Wahrheit zu kommen, so ist es selbstverständlich, dass der Aspiant Wahrhaftigkeit entwickeln muss. Wie sollte es anders sein! Die Wahrheit zu der er gelangen kann ist eine solche, die absolut von höherer Art ist. Es ist die spirituelle Wahrheit im Gebiete des Geistes. Im Manas, dem "Ich-Bin" wird sie erlebbar. Das Christuswort: "Ich bin die Wahrheit", lässt uns das Geisterlebnis nur ahnen, welches eintritt, wenn die Kommunion des höheren Menschenwesens mit der kosmischen Welt stattfindet. In jenem "Ich-Bin" wird die Wahrheit erlebbar und in das eigene Wesen hineingenommen.
2007-01-25 | achtphasen | 01:42:33 |
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