Oft erwischt es bei den Razzien auch Leute, die gar keine Bettler sind.
Beena ist um die siebzig Jahre alt, ganz genau weiss sie es nicht. Sie stammt aus einem kleinen Dorf in Bihar, einem der ärmsten Gliedstaaten Indiens. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie vor vielen Jahren nach Delhi gekommen, weil es in ihrem Dorf keine Arbeit und kaum genug zum Essen gab. Sie hoffte, hier einen Job zu finden, um sich und ihre behinderte Tochter durchzubringen. Eine Weile arbeitete sie auf einer Baustelle, doch als ihre Tochter krank wurde und sie dort ein paar Tage nicht erschien, verlor sie die Arbeit. «Meine Tochter ist kurz darauf gestorben, und ich habe nie mehr einen Job gefunden, weil ich schon fast fünfzig war und Probleme mit meinen Händen bekam», berichtet Beena ohne jedes Anzeichen von Selbstmitleid. Wie viele am Rande der Gesellschaft lebende Menschen in Indien erduldet sie ihr Schicksal mit stoischer Gelassenheit.
Die vielbefahrene Kreuzung ist heute ihr Zuhause. Tagsüber sitzt sie auf dem schwarz-gelb-gestreiften Bordstein zwischen den Fahrspuren und hält Ausschau nach Spendefreudigen. Nachts schläft sie auf dem Gehsteig unter der Brücke, auf der hupende Laster nonstop über die Kreuzung donnern. An guten Tagen verdient Beena 40 Rupien (etwa 1 Franken), an schlechten nicht einmal die Hälfte. Sie ist nicht die einzige Bettlerin hier. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite schwirren eine junge Frau mit einem Baby im Arm und eine Horde von Kindern um die wartenden Autos. Unter der Brücke sitzen ein Leprakranker und eine verwirrte junge Frau.
2009-02-28 | achtphasen | 20:50:42 |
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