“Mein Gott! Was ist das? Wie kommt der hierher?” dachte Fürst Andrej. In dem unglücklichen, schluchzenden, ganz von Kräften gekommenen Menschen, dem soeben das Bein abgeschnitten worden war, hatte er Anatol Kuragin erkannt. Das Sanitätspersonal richtete Anataol wieder ein wenig auf, und einer hielt ihm ein Glas Wasser hin, dessen Rand aber seine zuckenden, geschwollenen Lippen nicht zu fassen vermochten. Anatol schluchzte verzweifelt.
“Ja, das ist er.
Ja, dieser Mensch ist mir auf irgendeine Weise eng und schmerzlich verbunden", dachte Andrej, ohne ganz klar erfasst zu haben, was soeben vor sich gegangen war. “Aber auf welche Weise ist dieser Mensch mit meiner Kindheit, mit meinem Leben verbunden?” fragte er sich, ohne eine Antwort zu finden.
Und jetzt stand plötzlich eine neue, überraschende Erinnerung aus der Welt der Kindheit, der Reinheit, der Liebesfülle vor dem Fürsten Andrej auf. Er sah Natascha vor sich, wie er sie zum ersten Male gesehen hatte, damals auf dem Balle im Jahre 1810, mit dem mageren Halse, den mageren Armen, mit dem ängstlichen und glücklichen Gesicht, das doch nur darauf wartete, in seliger Freude zu erstrahlen, und nun wogten Liebe und Zärtlichkeit mächtiger als je zuvor durch sein Herz. Jetzt wurde ihm auch klar, was ihn mit diesem Menschen verband, der ihn aus seinen verschwollenen, mit Tränen gefüllten Augen trübselig ansah. Nun fiel dem Fürsten Andrej alles ein, er empfand für diesen Menschen ein hingebungsvolles, verzücktes Mitleid, eine hingebungsvolle, verzückte Liebe, welche sein Herz mit Glück füllten.
Den Fürsten Andrej verliess seine Selbsteherrschung, er weinte von Herzen kommende Liebestränen über die Menschen, über sich selbst, über ihre und seine Verirrungen.
“Mitleid und Liebe für unsere Brüder, für die, die uns lieben, Liebe für die, die uns hassen, Liebe für die Feinde, ja, jene Liebe, die Gott auf Erden verkündigt hat, jene Liebe, die Prinzessin Marja mich lehren wollte und die ich nicht verstehen konnte! Ja, das ist es, was mir das Sterben schwer macht, das ist es, was ich noch vor mir gesehen hätte, wenn ich noch weiter hätte leben dürfen. Aber jetzt ist es schon zu spät. Das weiss ich!”
Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden, in der Übersetzung von Werner Bergengruen, Berlin und Darmstadt 1953, S. 1063

2008-12-10 | achtphasen | 11:07:04 | Email | 1 comment




 

Comment from: achtphasen [Member] Email
Fürst Andrej ist selber schwer verwundet und wird wenig später an den Folgen seiner Verwundungen sterben.
PermalinkPermalink 2008-12-10 | 11:07
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