Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas tüchtiges oder sonderliches wissen, allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht, ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.

Platon, Apologie 21 St, Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher; […] οὖτος μὲν οἴεταί τι εἰδέναι οὐκ εἰδώς, ἐγὼ δέ, ὥσπερ οὖν οὐκ οἶδα, οὐδὲ οἴμαι, „Dieser meint irgendetwas zu wissen, obwohl er es nicht weiß, aber ich, wie ich es nun nicht weiß, glaube es auch nicht.

Ich glaube, alles mir wesentlich Erscheinende zur Thematik CERN geschrieben zu haben. Es gäbe vielleicht das eine oder andere zu ergänzen, insbesondere was Thesen der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend und Thomas S. Kuhn angeht, die sicher viele Probleme vorweggenommen haben, die bei diesem Thema eine Rolle spielen und diskutiert werden könnten. Doch ich glaube nicht, dass diese Aspekte auf großes Interesse stoßen werden. Ich habe bei der Lektüre von Kuhn ein paar Skizzen notiert, sie seien hier beigefügt, wer Interesse hat, möge die Gedanken weiterverfolgen.

-"Urknall” ,„Higgs-Boson“ etc. sind typ. “Paradigma"; das Experiment strebt insofern eine “Verifikation” dieser Erwartungen an und widerspricht damit Popper.

- Das also, was als “revolutionär neue Erkenntnisse” verkauft wird (Higgs-Boson im Zusammenhang mit dem Urknall etc.) ist nur eine Vervollständigung des “alten Paradigmas". Die Abwehr grundlegend anderer Modelle (Rössler, Plaga etc) passt vollständig in den Wissenschaftsbegriff Kuhns, der den “Normalbetrieb” der Wissenschaft eben so beschreibt: es wird versucht, recht detailliert und starr das alte Paradigma zu vervollständigen; Revolutionen ergeben sich durch andere und eben nicht integrierbare Beobachtungen und Angleichungen bzw. den Austausch der Paradigmen, die den nicht integrierbaren Beobachtungen Rechnung tragen.

- Revolutionen in der Wissenschaft entstehen oft aus Falsifikationen, Abwegen, Fehlern (Röntgen, Entdeckung des Sauerstoffs etc.) oft auch durch Arbeit von Laien.

- Darf in diesem Fall dies Risiko eingegangen werden?

- Den Experimentatoren ist nahe zu legen, über Kuhns Wissenschaftsbegriff und über historische wissenschaftliche Revolutionen zu reflektieren, um Distanz zum eigenen Experiment zu gewinnen und es einordnen zu können.

Folgende Bücher enthalten wichtige Fragestellungen: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolution, Paul Feyerabend, Erkenntnis für freie Menschen und Irrwege der Vernunft.

Herr Uebbing leistet Großartiges. Ihm sei an dieser Stelle öffentlich meine Anerkennung ausgesprochen. Ebenso natürlich und insbesondere Marc Fasnacht für sein unermüdliches, kritisches und zugleich heiteres Engagement.

Was bleibt?

Zweifel.

Enrico Pellegrino

2008-11-26 | achtphasen | 06:27:56 | Email | 3 comments




 

Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Pellegrino,



bevor Sie sich vom schwierigen Dialog verabschieden, möchte ich gerne eine Frage anregen, auf die ich gestern gekommen bin, letztlich ein einfaches Beispiel, um die Frage zu erläutern, "wann" eine Hypothese als genügend gesichert empfunden wird. Da diese Frage derzeit in den "Tiefen" des achtphasen (http://www.achtphasen.net/index.php/plasmaether/2008/11/09/ein_wunsch_an_die_naturwissenschaftliche#c536) diskutiert wird, wo sie leicht übersehen wird, erlaube ich mir, sie hier zu wiederholen:



Sei das Beispiel unsere Sonne: Noch keine Raummission war dort und hat Material von der Sonne zur Analyse zur Erde zurückgebracht. Unser Verständnis der Sonne beruht im Wesentlichen auf (gefilterten) Fernrohr-Beobachtungen, auf Spektralanalysen, auf Beobachtungen des Sonnenwindes einerseits und auf physikalischen Modellen, die das in Einklang bringen sollen, andererseits.



Sollte die Sonne ab morgen ihr Strahlungsverhalten auch nur ein bisschen ändern, so hat das katastrophale Auswirkungen auf die Erde. Sollte man nun nicht vorsorglich alle verfügbaren Kapazitäten nutzen und unabhängige Energiequellen (im Wesentlichen wird das - leider - auf Atomkraft hinauslaufen) und neue Technologien erforschen, damit wir im Falle einer solchen Änderung der Strahlungsleistung unserer Sonne geeignet reagieren können, also konkret die Erde kühlen, falls die Strahlungsleistung ansteigt oder die Erde erwärmen, falls sie abnimmt ? Und parallel dazu Technologien entwickeln, um die Erde notfalls rasch evakuieren zu können, sollte sich unsere Sonne morgen entschliessen, sich zu einem Roten Riesen aufzublähen oder gar zur Supernova zu werden ? - Ganz so abwegig sind diese Befürchtungen nicht, denn am Himmel sieht man zahlreiche Rote Riesen und hie und da leuchtet auch eine Supernova auf.



Gewiss, Sie werden solche Überlegungen als absurd abtun, aber erlauben Sie mir trotzdem die Frage, warum Sie das tun würden ? Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass unsere Sonne erst in 500 Millionen Jahren ihr Strahlungsverhalten merkbar ändert, dass sie sich erst in 5 Milliarden Jahren zum Roten Riesen aufbläht ? Sind das nicht letztlich auch nur Hypothesen, gewonnen aus irgendwelchen Beobachtungsdaten von Sternen, die so weit von uns entfernt sind, dass selbst das Licht mehrere Jahre (!) braucht, um dorthin zu gelangen und die Abstandsmessungen in Kilometern Zahlen ergibt, die man sich gar nicht mehr vorstellen kann ?



Offenbar gibt es also physikalische Modelle, welche auch von einer breiten Öffentlichkeit anerkannt werden. Warum ist das so ? Oder anders gefragt: Was zeichnet diese physikalischen Modelle aus, dass sie auf so breite Akzeptanz stossen und niemand nach alternativen Resultaten sucht ?



Ich könnte mir vorstellen, dass die Erörterung dieser Fragestellung den schwierigen Dialog erleichtert und würde es sehr begrüssen, wenn Sie zumindest bei dieser Fragestellung mitwirken könnten.



Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-26 | 11:44
Comment from: achtphasen [Member] Email
Hallo Herr Kannnberg,
eine der Schwierigkeiten im 'schwierigen Dialog' (eine Wortschöpfung Galileo's, notabene) ist, dass lhc-befürworterseits so gut wie nie auf nicht ausschliesslich technokratische Argumente eingegangen wird.
Mit keinem Wort gehen Sie auf Herrn Pellegrinos Sätze ein, gänzlich irrelevant jedoch sind seine wohl letzten hier veröffentlichten Gedanken mitnichten!
Ich verspreche Ihnen gerne, auch auf Ihr, bereits andernorts in den 'Tiefen der achtphasen', gepostetes Sonnenargument einzugehen; wahrscheinlich werde ich Ihrem Gedanken sogar einen eigenen neuen Artikel widmen, wofür ich hiermit Ihr Einverständns erbitte.
freundliche Grüsse, Marc Fasnacht

PermalinkPermalink 2008-11-27 | 08:58
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Fasnacht,

ich möchte hiermit den "schwierigen Dialog" wieder aufnehmen; de facto haben wir uns ja beide im Wesentlichen gleich wie zuvor ausgetauscht und Sie haben meinen Ausführungen wie zuvor ja auch den gleichen Raum eingeräumt. Und meine neue Idee mit dem Sonnenbeispiel - selbstverständlich dürfen Sie ihm ein eigenes Thema widmen - hat mich auf die Idee gebracht, wie wir die Diskussion auf einem "technokratischen" Level, um Ihre Wortwahl zu benutzen, fortsetzen können; ein Level, das uns beiden gleichermassen zugänglich sein dürfte. Ich persönlich bezeichne dieses Level als "naturwissenschaftlich" und ich vermute, man kann beide Wortwahlen synonym verwenden.

Wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist, habe ich in der gesamten Diskussion schon mehrfach versucht, die Diskussion um die Sicherheit am LHC auf eine leichter verständliche und auch nicht durch Ängste vorbelastete Ebene zu verlagern, um die unterschiedlichen Argumentationsschemata und -methodiken einfacher eruieren zu können und insbesondere auch herausfinden zu können, wo eigentlich Existenzängste verborgen sind und wo wie selbstverständlich volles Vertrauen in die "Technokratie"/"Naturwissenschaft" vorhanden ist. Wenn es hier gelingt, ein Beispiel zu finden, bei dem wir "dieselbe Sprache" sprechen, dann haben wir alle einen weit einfacheren Zugang zum schwierigen Dialog als wenn wir uns gegenseitig irgendwelche Facharbeiten und als Facharbeiten empfundene Arbeiten zum Lesen und quasi zum Frasse vorwerfen, auch wenn das natürlich in einem zweiten Schritt auch nötig ist.

Doch verbleiben wir beim ersten Schritt: Meine beiden bisherigen Beispiele, die Diskussion auf eine leichter verständliche Ebene zu verlagern, waren ja mein "Hochgeschwindigkkeitszugbeispiel" und dieses "1+1=2-Beispiel". Mit dem "Sonnenbeispiel" ist nun ein drittes hinzu gekommen. Während mein "Hochgeschwindigkkeitszugbeispiel" von der LHC-Kritik meist als absurd und lächerlich abgetan wird - meiner Einschätzung nach zu Unrecht, aber ich will diese Befindlichkeit für einmal so hinnehmen, wie sie ist - sind das "1+1=2"-Beispiel und nun das "Sonnenbeispiel" auf grössere Akzeptanz gestossen. Es geht mir überhaupt nicht darum, dass eines meiner Beispiele als "besonders gut" empfunden wird, sondern es geht mir darum, eine gemeinsame Sprache zu finden, und zwar in einem nicht vorbelasteten Thema wie dem Teilchenbeschleuniger.

Sie werden mir - zurecht - vorhalten, dass ich einmal mehr nicht auf die "nicht-technokratischen" Argumente eingegangen bin; der Grund dafür liegt u.a. auch darin, dass ich im "1+1=2"-Beispiel dargelegt habe, dass unter gewissen Voraussetzungen (Restklassengruppe modulo n>2 und/oder Halbgruppe der natürlichen Zahlen) stets gilt, dass 1+1=2 gilt, und zwar unabhängig davon, wieviele nicht-technokratische Argumente man dem zufügt; das ist deswegen so, weil man die getätigten Voraussetzungen auch durch nicht-technokratische Argumente nicht aushebeln kann. Des weiteren habe ich - Herr Pellegrino hat mein Argument bislang bedauerlicherweise nicht weiter kommentiert - eine Unterscheidung der Kompetenzen getätigt: Ein Physiker ist im Allgemeinen kein Spezialist bei ethischen Fragestellungen und ein Ethik-Spezialist ist im Allgemeinen kein Spezialist bei physikalischen Fragestellungen. Indem sich aber Ethik-Spezialisten in die Gefahrenbeurteilung des LHC "einmischen" und diese in Frage stellen, tritt eine "Kompetenz-Inkonsistenz" auf und die ist meiner Einschätzung nach vielleicht medienwirksam, jedoch nicht zielführend.


Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-27 | 13:38
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