Der Künstler hingegen – also der Dichter und der Maler – hat seine ursprüngliche Funktion niemals eingebüßt und vermittelt einen Eindruck von der Wirklichkeit als Totalität, indem er seine Wirklichkeitsdeutung sinnlich vermittelt.
Mark Rothko, Die Wirklichkeit des Künstlers, C.H. Beck, München 2005, S. 82

Sehr geehrter Herr Kannenberg,

herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich weiß wohl, dass mein letzter Beitrag zur Diskussion ironisch war. Ihre Replik zeigt jedoch, dass auch die Ironie eine zulässige Sprache im Diskurs ist, weil sie Widersprüche auf die Spitze treibt und damit verdeutlicht. Natürlich ist sie nicht akzeptabel, wenn sie verletzend und zynisch wird. Es sei Ihnen versichert, ich schätze Sie und Ihre Beiträge und glaube, dass sie von großer Integrität getragen sind.

Im Abarbeiten unserer Rollen – die beide ihre Berechtigung haben – kommen wir der Sache, so hoffe ich, immer näher.

Ihnen mag nicht aufgefallen sein, dass Sie in ihrem letzten Beitrag eben meine Kritikpunkte in Ihrer Sprache aufs Beste dargestellt haben (bis auf einen Unterschied: dass Sie diese Aussage für nicht kritikwürdig im Sinne von „hinterfragenswert“ betrachten):

„Nein Herr „Pellegrino, Sie irren sich - solche Detailaussagen können nur von Spezialisten bemerkt werden. Und die Sicherheit am LHC kann auch nur von Spezialisten beurteilt werden; alle Erweiterungen in grössere Zusammenhänge und das Miteinbeziehen disziplinenübergreifender Gremien bringt nur eine gewisse Willkür in die Diskussion und - schlimmer noch - hält die Spezialisten von ihrer Arbeit ab.“

Ja . Besser könnte ich meine Zweifel nicht formulieren: Über diese Welt, in der alle Detailaussagen nur noch von „Spezialisten“ bemerkt und beurteilt werden, die dann gleichzeitig „ihre Arbeit tun“ – also Entscheidungen fällen. Und zwar nur aus „Sachargumenten“ heraus. In eben dieser Welt leben wir. Es sei hintangestellt, welche historischen Prozesse der Arbeitsteilung zu dieser immer größeren Spezialisierung geführt haben, ob es eine teleologische Richtung zum „Besseren“ durch diese Spezialisierung gibt oder nicht. Doch m.E. ist es offensichtlich, dass der Prozess der Spezialisierung in der Menschheitsgeschichte ein typisch dialektischer ist: In seiner Widersprüchlichkeit bringt er Fortschritte und Rückschritte zugleich – Erleichterungen und – im Hochtechnologiezeitalter – auch immer unabsehbarere Gefahren. Die Trennung von ethischen und wissenschaftlichen Denkweisen, oder, wie Einstein es formulierte, die immer weiter auseinanderklaffende Schere von Vernunft und Verstand ist eine Quelle von Risiken. Der Anspruch bleibt hoch – und durch die Fülle des Wissens und der Zunahme unserer technischen Fähigkeiten wird er immer schwieriger einzulösen – hier zwischen dem was wir tun können und dem was wir tun sollten vernünftig abzuwägen. Diese Abwägung ist nicht nur eine, die sich aus den sog. „Sachargumenten“ aus dem Für und Wider über die Theorien von Plaga, Rössler, den Neutronensternen etc. speist, sondern eine ethische mit allen politischen, ökologischen, gesellschaftlichen Konnotationen. Sie zu „entbetten“, also aus eben diesem Zusammenhang herauszulösen, halte ich für gefährlich.

Die Diskussion um den LHC ist vielleicht paradigmatisch. Was die Dramatik der Gefahren des „Spezialistentums“ angeht, hat diese vor Ihnen Herr Johann Grolle im Spiegel ebenso gut beschrieben. Doch auch ihm mag nicht aufgefallen sein, was er da eigentlich geschrieben hat.

Der Abschnitt sei an dieser Stelle noch einmal wiederholt:
“So ganz überblickt also kein Einzelner mehr das Ganze. Das Gerät entwickelt ein Eigenleben, ´es entwickelt eine Art eigene Intelligenz´, meint die Soziologin. Das Heer der Wissenschaftler, dass dem Monstrum Atlas gegenübersteht, beschreibt sie als ´Superorganismus´, die Forscher selbst nennen es ´Kollaboration´. Wie in einem Bienenstaat, so ist auch hier jeder Einzelne nichts; vollbringen können sie ihr großes Werk nur im Kollektiv. `Distribuierte Kognition´ nennt das die Soziologin: eine Art Vergesellschaftung des Geistes.”

(Johannes Grolle, zitiert aus dem SPIEGEL, Nr. 27/30.6.08)

Ich überlasse eine Beurteilung dieses Abschnittes Ihrem kritischen Bewusstsein.

Freundliche Grüße



Enrico Pellegrino

2008-11-16 | achtphasen | 20:07:45 | Email | 1 comment




 

Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Pellegrino,

dass ich Ihnen noch nicht geantwortet habe, kommt daher, dass ich Ihnen bereits hier geantwortet habe:
http://www.achtphasen.net/index.php/boesegutlieb/2008/11/10/die_durchfuhrung_des_lhc_experimentes_is#c469

Da Ihr Beitrag dort aber etwas untergegangen ist, begrüsse ich es sehr, dass ihm hier ein eigenes Thema gewidmet wurde.

Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-19 | 19:07
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