Darf ich, statt in Ihre Rhetorik zu verfallen, die Grenzen zwischen Menschen und Menschengruppen zieht und sie in „Gegner“ und „Freunde“ aufteilt, einige Fragen stellen und Anmerkungen machen?
Bezeichnen Sie es als „Widerstand“, wenn sich jemand erlaubt, zu denken?
Genauer: wenn er sich erlaubt, öffentlich nachzudenken? Ist das nicht erlaubt? Oder sollte das Nachdenken unter strengere Kontrolle und Überwachungen gestellt werden? Nur…von wem? Von Ihnen? Gibt es Bereiche im gesellschaftlichen Leben, über die nicht mehr öffentlich nachgedacht werden sollte? Stellen Sie den Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland öffentlich in Frage?
Muss man sich dafür entschuldigen, wenn man sich Sorgen macht? Um sich, um die Schöpfung, um seine Mitmenschen? Ich möchte nicht darauf eingehen , dass Sie sich keine Sorgen machen, dass Sie dem Mainstream der Wissenschaft bedingungslos trauen, dass Sie in der Lage sind, alle Verantwortlichkeiten über ungeklärte Restrisiken auf sich zu nehmen, gewillt und bereit sind, einer Mehrzahl von Befürwortern zu trauen. Ich bin dazu nicht bereit. Herr Plaga hat seine Mahnungen – nach der Entgegnung vom CERN - explizit erneuert. Von allen anderen wissenschaftlichen Fragen abgesehen, die hier wieder und wieder formuliert wurden, und bei denen es ein Hohn an den menschlichen Verstand ist, darüber zu disputieren, dass absolute und unbedingte Sicherheit gewährleistet sei (das ist schlechterdings nicht möglich) – bleiben die ethischen und politischen Fragen: Auf keine ist von den Befürwortern eine überzeugende Antwort gegeben worden, auf keine einzige.: Was bleibt, ist eine Unwahrheit, und zwar die Aussage:„Es gibt kein Risiko.“ „Der LHC ist sicher.“
Und das Aussitzen und Verschweigen der ethischen und politischen Fragestellungen mit billigen Verweisen auf „Beschlüsse“, „Beratschlagungen“ und „Entscheidungen“, die, hinter verschlossenen Türen, untransparent, irgendwann einmal gefällt worden sind und die nun die Menschheit gefälligst schweigsam und ergeben hinzunehmen hat.
Offenbar sind viele, die meisten Menschen bereit, sich in Sicherheit wiegen zu lassen. Ich nicht. Und ich werde mich weder von Ihnen noch von irgendjemandem sonst einschüchtern lassen, diese meine Empörung, mein Erschrecken über solche Vorgänge öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Wir haben nur unser freies Wort.
Und da wir gerade beim freien Wort sind: So sei dies Thema in den großen Kontext gestellt. Denn es ist kein Zufall, dass auch in anderen Foren weitergehende ethische und politische Fragen gestellt werden. Denn sie hängen damit zusammen.
Sie hängen damit zusammen, weil wir es uns als Menschheit eben nicht mehr leisten können, dies Ausmaß an wissenschaftlicher Kapazität, Energieverbrauch und Kapital in Projekte zu pumpen, deren Erkenntnisgewinn höchst fragwürdig ist und deren ggf. globale Risiken noch immer nicht geklärt sind. Und weil sich natürlich die Frage der Prioritäten stellt. An existentiellen Problemen mangelt es der Menschheit nicht. – Sollten wir nicht die vorhandenen, schlimmen und immer schlimmer werdenden Missstände als da sind ökologischer Kollaps und Verelendung der Massen – endlich mit all unseren ethischen, wissenschaftlichen und solidarischen Fähigkeiten zu lösen versuchen?
Einer großflächigen Verarmung und Verelendung in der sog. 3. Welt steht ein kollabierender, hybrider , elitärer Kapitalismus gegenüber, der keine Scham mehr kennt. Statt darüber nachzudenken, wie endlich die Armut und das Elend in der Welt bekämpft werden kann, wie der Mensch zu einem gerechten Leben und Wirtschaften kommen kann, in der nicht der Stärkere den Schwächern unterdrückt und ausbeutet, sondern die Grundbedürfnisse aller Menschen gestillt werden, wie der Mensch im Einklang und nicht gegen die Natur leben kann, bleibt es bei Lippenbekenntnissen auf der öffentlichen Seite und schamloser Ausbeutung auf der anderen. Eine neue Wirtschafts- und Lebensweise wird notwendig sein, wenn wir als Zivilisation überleben und nicht in brutalen Verteilungskämpfen um die letzten Ressourcen untergehen wollen. Wir werden bescheidener leben müssen – sehr viel bescheidener.
Wir holen das Letzte und Äußerste aus der Erde heraus. Das Artensterben der Flora und Fauna erreicht ein Schwindel erregendes Tempo, der Meeresspiegel steigt, die Wüsten wachsen, Stürme zerreissen unsere Städte und Fluten spülen Metropolen und Landstriche weg: Aber all dies reicht uns nicht. Vielleicht sehen und hören wir die Zeichen – aber wir ändern unser Leben nicht grundlegend. Dies aber wäre notwendig.
Das alte Rom es uns vorgemacht: So abgestumpft und verwöhnt und dennoch innerlich verarmt leben zum Untergang Geweihte.
Wir haben die Wahl.
Für ein bescheidenes Leben: für alle: für die Menschen, die Tiere, die Pflanzen, die Erde – oder für die Gier und den Größenwahn.
Der LHC steht - als epochales Sinnbild eines Turmbaus zu Babel - für den Größenwahn.
2008-10-02 | achtphasen | 07:16:32 |
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