“Was ist Kraft, und was ist Geschwindigkeit? Unsere Wissenschaft ist unfähig, das zu sagen, so wie sie unfähig ist, eine Bewegung hervorzubringen. Eine Bewegung, wie sie auch beschaffen sein mag, ist eine ungeheure Kraft, und der Mensch erfindet keine Kraft. Die Kraft ist ein Ganzes wie die Bewegung, sie ist das Wesen der Kraft. Alles ist Bewegung. Der Tod ist eine Bewegung, deren Grenzen uns wenig bekannt sind. Wenn Gott ewig ist, dann ist er, das dürfen Sie glauben, immer in Bewegung. Vielleicht ist Gott die Bewegung. Darum ist die Bewegung wie er unerklärlich, wie er unerklärlich, grenzenlos, unfaßbar und ungreifbar. Wer hat je die Bewegung berührt, erfaßt, gemessen? Wir spüren ihre Wirkung, ohne sie zu sehen. Wir können sie sogar leugnen, wie wir Gott leugnen. Wo ist sie? Wo ist sie nicht? Wo beginnt sie? Wo ist ihr Ursprung? Wo ist ihr Ende? Sie umgibt uns, drängt uns und entweicht uns. Sie ist klar wie eine Tatsache, dunkel wie eine Abstraktion, ist Ursache und Wirkung in einem. Sie braucht wie wir den Raum, und was ist der Raum? Die Bewegung allein erklärt ihn uns; ohne die Bewegung ist er nichts mehr als ein leeres Wort ohne Sinn. Die Bewegung ist wie der leere Raum, wie die Schöpfung, wie das Unendliche ein unlösbares Problem, sie verwirrt das menschliche Denken, und alles, was der Mensch zu begreifen vermag, ist, dass er sie niemals begreifen wird. Zwischen jedem der Punkte, die diese Kugel nacheinander im Raum einnimmt, klafft für die menschliche Vernunft ein Abgrund, in den Pascal gestürzt ist.
 

Honoré de Balzac, Das Chagrinleder (orig. La Peau de Chagrin, 1831), Übersetzung: Hedwig Lachmann, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1990, Seite 254

2008-09-25 | achtphasen | 10:51:32 | Email | 1 comment




 

Comment from: katzenjammer [Visitor]
Der dicke Balzac hatte Recht! Als Poet traf er immer haargenau den gesellschaftskritischen Massengeschmack. Aber Pascals Fehler besteht einfach darin, zwischen Glauben und Wissen nicht trennen zu wollen/zu können. Er sah überall die "Einheit" von Herz und Verstand. Tja. Erkenntnistheoretisch nicht besonders toll. Und unter diesen Vorzeichen liest sich der Balzac oben auch ganz anders. Vom Link mal ganz abgesehen.
PermalinkPermalink 2008-09-25 | 12:45
*
* your email address will not be displayed
  your URL will be displayed