Im Ursprung, vor dem grossen Knall, war alles eins. Auch Physik und Metaphysik waren, so muss man sich vorstellen, ungeschieden. Wenn Physik und Metaphysik, exakte Wissenschaft und Spekulation nun aber wieder ununterscheidbar zu werden beginnen – ist das dann ein Vorzeichen des nahenden Endes, der Rückkehr in den Ursprung? Es ist zunächst einmal eine Beschreibung der Situation, in der sich der nolens volens interessierte Laie befindet, der sich ein Urteil über das – wie zu hören ist – grösste, teuerste und komplexeste Experiment zu bilden versucht, das die Menschheit je angestellt hat. Dessen heisse Phase soll heute beginnen, in einem Ort, der mit 271 Grad unter null mutmasslich zu den kältesten des Universums zählen dürfte.
Doch gemach! Erstens, so beruhigt sich der Laie, steckt ja vermutlich das Gottesteilchen, das allem Masse verleiht, auch hinter und in den massereichen Schwarzen Löchlein – so dass am Ende schon alles gut ausgehen wird. Und zweitens versichert auch das Cern, es drohe keine Gefahr: Entweder entstünden gar keine solchen mikrokosmischen Staubsauger mit makrokosmischem Totaleffekt, oder wenn doch, dann hätten sie keinen Bestand, lösten sich in Sekundenbruchteilen wieder auf. Die Apokalyptisches befürchtenden Skeptiker um den Tübinger Chaosforscher Otto Rössler lassen sich durch solche Versicherungen nicht zufriedenstellen. Sie haben beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg eine Beschwerde eingereicht. Ihr Eilantrag, mit dem die Inbetriebnahme des LHC vorläufig gestoppt werden sollte, ist zwar vor einigen Tagen abgelehnt worden, die Beschwerde selbst aber wird noch geprüft. Wenn allerdings an der Sache mit den Schwarzen Löchern auch nur etwas dran sein sollte, kann der sich abermals wundernde Laie das Gericht nur beglückwünschen zu seiner Gemütsruhe.
Letztlich indes ist auch der Laie von solcher Ruhe beseelt. Er ist zwar weder Richter noch Wissenschafter, aber – doch – voller Vertrauen in die beiden Institutionen der Wahrheitsfindung. Und dem Cern, der Europäischen Organisation für Kernforschung, vertraut er ganz besonders gern, weil dort eine neue Stufe der Bewusstseinsentwicklung erklommen worden ist, auf der nur mehr das vernünftige Kollektiv zählt und nicht der ängstliche Einzelne. So zumindest lässt sich einer Andeutung Rolf Landuas entnehmen, des Leiters der Cern-Abteilung für öffentliche Fortbildung: «Nur das Kollektiv» sei in der Lage, ein solch komplexes Gerät wie den LHC «zu verstehen und richtig zu nutzen». – Und wenn das Kollektiv sich, ausnahmsweise, diesmal doch irren sollte? Dann dürfen wir uns immer noch – einen Moment lang wenigstens – glücklich schätzen, das Ende nicht etwa aus krudem Machtstreben oder aus Geldgier heraufgeführt zu haben, auch nicht aus schierer Dummheit, sondern aus reiner und zweckfreier Neugierde, aus dem Übermut des freien Forschens heraus.
2008-09-14 | achtphasen | 11:31:53 |
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