Sehr geehrter, lieber Herr Professor Rössler,

Ihren Einsatz für die Sicherheit der Experimente am CERN halte ich im Interesse des Überlebens unserer biologischen Art für vollkommen richtig. Ich freue mich darüber und danke Ihnen dafür.
Bei ruhiger und nüchterner Überlegung würde kein Mensch auch nur das geringste Risiko einer tödlichen Katastrophe mit Versuchen eingehen, die im wesentlichen der Grundlagenforschung dienen, selbst wenn sie für uns alle noch viel interessanter und verlockender wären als die jetzt anlaufenden Experimente im LHC. Bis jetzt wird aber bei den anlaufenden Versuchen das Verbleiben eines geringen Restrisikos offenbar von niemandem abgestritten. Und die Menschheit ist eben keineswegs durch eine Gefahr bedroht, aus der wir nur durch neue Erkenntnisse einen Ausweg finden könnten, die ihrerseits nur durch riskante Experimente wie jetzt im LHC gefunden werden könnten, mit denen wir unserer Leben aufs Spiel setzen müßten.
Die auch Ihnen vorgeworfene “Panikmache” kommt also keineswegs von den Befürwortern einer hundertprozentigen Sicherheit, wie wir sie als Menschen bisher immer hatten, wenn es um die Frage ging, ob unser Handeln die Existenz der Erde gefährdet. Die “Panikmache” wird von denen betrieben, die jetzt unbedingt sofort riskante Experimente beginnen wollen, deren Risiko in Kauf zu nehmen gar keine Veranlassung besteht. Gesunde Neugier allein würde niemals zu einem solchen überstürzten Handeln antreiben.

Mich hat diese Neigung der Menschheit, mit ihrer zunehmend wirksamen Technik immer gefährlichere Wege zu beschreiten, indem Raubbau an der Natur betrieben wurde oder indem mit Abfällen der Industrie und des Konsums zunehmend die Umwelt vergiftet wurde, seit meiner Schulzeit, seit der Zeit der Gründung des Club of Rome 1968 als ein Problem beschäftigt, das unser aller Zukunft in Frage stellte und für das daher unbedingt eine Lösung gefunden werden mußte. Freilich sind Tierarten immer wieder auch ausgestorben und irgendwann würde sowieso das Ende der Menschheit kommen müssen. Aber in unserer Zeit hielt ich dieses Ende nicht für zwangsläufig. Dieser Untergang könnte nur das Ergebnis unserer eigenen Dummheit oder Denkfaulheit sein, und das forderte mich heraus.

Ich kam damals nach einigen Jahren auf jene Lösung, die Sie von mir schon kennen und die ich heute noch für richtig halte. Sie sei Ihnen in einer besonders kurzen Fassung hier nochmals eingefügt, die am 04.09.07 für das Forum der ZDF-Sendung Nachtstudio entstand:

“Die Lösung des Mensch-Umwelt-Problems, … , läßt sich wie folgt aus den Antrieben unseres Handelns herleiten und kurz aussprechen:

Als Säugetiere sind wir von zwei Kategorien von Bedürfnissen angetrieben. Die organischen Grundbedürfnisse sind auf die Einhaltung von Sollwerten gerichtet, wie optimaler Wassergehalt des Körpers, optimaler Nahrungsgehalt in den Körperflüssigkeiten, optimale Körpertemperatur oder optimaler Blutdruck. Sie sind wohlbekannt und haben zu tun mit Durst und Hunger, oder bei Sommerhitze mit dem Drang, den Schatten eines Baumes aufzusuchen. Die zweite Kategorie, die höheren Bedürfnisse, werden speziell beim Menschen auch die produktiven genannt. Sie sind auf das Abarbeiten der Verhaltensprogramme gerichtet und treiben an zu den lebenserhaltenden Aktivitäten wie zu Jagd, Nahrungsbevorratung, Nestbau, Brutpflege, sozialen Beziehungen, sexuellen Interaktionen, zum Lernen oder zur Orientierung in neuer Umgebung.
Aber während z.B. die mit uns ziemlich verwandten Eichhörnchen ihre Verhaltensprogramme recht starr abarbeiten, wenn diese durch den jeweiligen Schlüsselreiz eingeschaltet sind, können wir im Zusammenhang mit unseren erweiterten Großhirnleistungen außerordentlich flexibel damit umgehen. Wir können sie gewissermaßen in Teilprogramme zerlegen und diese frei neu kombinieren und sehr weit an konkrete Situationen anpassen. Wir können somit Klavierstücke einüben oder völlig neu entwickelte Spezialtätigkeiten ausführen. Dadurch sind wir eher in einer ständigen allgemeinen Aktionsbereitschaft und weniger periodisch immer wieder zu bestimmten Handlungen getrieben, die wir lange nicht durchgeführt haben.

Schlußfolgerung:
Menschen sind als Säugetiere autonom in dem Sinne, daß sie gewissermaßen Lust zu allen Anstrengungen haben, die für ein auch ansonsten befriedigendes Leben erforderlich sind. Arbeit ist normalerweise die Befriedigung der produktiven Bedürfnisse und es gibt daher keinen Grund, sich um die Arbeitsergebnisse zu bekämpfen. Es ist nutzlos, andere Menschen auszunutzen oder auszubeuten, weil der eigene Antrieb überall vorhanden ist, selber für sich erfolgreich die Mühsal und die Leiden des Lebens auf sich zu nehmen, z.B., um Selbstbestätigung zu erlangen.
Außerdem löst sich durch die Flexibilität und Vielfalt unserer konkreten Handlungsmöglichkeiten die Problematik von Rangstreben, Revierverteidigen und anderen sozialen Konfliktherden auf. Es gibt geradezu unendliche viele und vielfältige Möglichkeiten, das Leben konkret befriedigend zu gestalten. Daher kann jede Situation immer im Einklang mit den natürlichen Lebensgrundlagen immer wieder so gestaltet werden, daß alle Beteiligten zufrieden sind. Damit sind die Gründe dafür benannt, daß alle Feindseligkeiten der Menschen entfallen können.”

1975 hatte ich noch kaum Worte für diese hier sehr komprimiert aufgeschriebenen Zusammenhänge. Und daß ich anfangs noch keine 23 Jahre alt war, mag verständlich erscheinen lassen, warum auch die ältere Generation nicht mit mir über diese denkbare Lösung des Mensch-Umwelt-Problems diskutieren wollte. Aber gerade bei der Generation meiner Eltern und Lehrer war das eine abrupte Änderung ihres Verhaltens gegenüber meiner Person. Zwar galt die Ablehnung nicht mir persönlich, aber es traf mich sehr hart, daß die Menschen offenbar, bewußt oder unbewußt, eine fürchterliche, panische Angst davor hatten, sich auf alle ihre Bedürfnisse und Interessen wirklich ganz zu besinnen. Bis zum Ende der DDR mußte ich dies völlig ratlos immer wieder miterleben und beobachten, bis ein Psychiater namens Hans-Joachim Maaz sein Buch “Der Gefühlsstau” schrieb. Aus dem Buch wurde mir endlich verständlich, daß Menschen ja systematisch auch erfreuliche Erlebnisse und Wünsche, Träume, Sehnsüchte und ursprüngliche Ziele ins Unbewußte verdrängen können. In ihrer unbewußten Angst davor, sich an schreckliche Niederlagen, Strafen, Mißerfolge oder Demütigungen erinnern zu müssen, schrecken sie regelmäßig auch davor zurück, sich an die ursprünglichen Wünsche und Ziele zu erinnern, die in dem Zusammenhang unerfüllt und unerreicht geblieben sind.

In den letzten Jahren ist es immer deutlicher geworden, daß Menschen, die meine Hypothese über den Ausweg aus der ökologischen Krise wirklich zur Kenntnis nehmen, letztlich immer damit einverstanden sind. Die größten Probleme habe ich noch, wenn mir vorgeworfen wird, daß ich die noch immer drohenden ökologischen Katastrophen auf eine Krankheit zurückführe, auf eine neurotische Störung der Beziehungen der Menschen zu ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen, die sie sich gegenseitig in ihrer gegenseitigen Bekämpfung nach Art eines Teufelskreises immer wieder zufügen.

Ich muß aber sagen, daß es eine sehr optimistische und absolut freundliche Einstellung ist, wenn ich die Menschen eben nicht für zerstörerisch von Natur aus halte! Den Menschen zu unterstellen, daß lediglich ihre normalen Lebens- und Denkfunktionen gestört sind, weil sie sich gegenseitig einschüchtern und aufhetzen, bedeutet, sie im Grunde alle als tüchtig, intelligent und liebenswert anzusehen.

Meine größte Hoffnung zur Zeit kommt daher, daß gerade die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am CERN zu den am meisten aufgeschlossenen und unbefangen denkenden Zeitgenossen zählen dürften. Nur leider sind sie alle, sogar als eine besonders intelligente, weltoffene und kooperative Gemeinschaft eingebunden in das herkömmliche soziale System unseres gesamten Planeten, mit seinen Rivalitäten, seinen gewaltsamen Konfliktlösungen und den Selbsttäuschungen, die jeder einzelne oft benutzt, um sich in diesem alten System am Leben halten zu können.

Auch ich selber bin nicht ganz frei davon, in diesen Zusammenhängen manchmal noch vormenschlich wie ein dressierter Affe vor meinen eigenen biologischen Artgenossen Angst zu haben, und so schrecke ich immer wieder noch davor zurück, meinen Brief an Dr. Robert Aymar vom 05.08.08 einfach im Internet zu veröffentlichen wie Sie es von mir gewünscht haben. Würde ich mich damit unmöglich machen? Würde das als ein schwerer Formfehler gelte? Würde ich damit alles verderben, was ich zum Thema CERN im Sinn habe?

Ich denke, daß wir Menschen mit unserer anstehenden Befreiung von unserer jeweiligen verinnerlichten Unterdrückung und Aufhetzung vor der friedlichsten und zugleich tiefgreifendsten Revolution in unserer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte stehen. Erst mit dieser psychischen Revolution, die uns von dressierten Affen zu frei denkenden Menschen macht, wird die Menschheit reif zu solchen großen Experimenten, wie sie jetzt im CERN anstehen. Ich wünsche mir, daß die Wissenschaftler am CERN zu Verbündeten derer werden, die heute zuerst die ökologische Krise und eben die immer destruktivere menschliche Feindseligkeit auflösen wollen, bevor wir schließlich gemeinsam, kühn und wohlbedacht unsere großen physikalischen Experimente fortsetzen.

Herzliche Grüße
Ihr
Lutz von Grünhagen

Lutz von Grünhagen | offener Brief an Prof. Dr. Otto E. Rössler

2008-08-11 | achtphasen | 09:41:02 | Email | 1 comment




 

Comment from: Alf Pretzell [Visitor]
"Meine größte Hoffnung zur Zeit kommt daher, daß gerade die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am CERN zu den am meisten aufgeschlossenen und unbefangen denkenden Zeitgenossen zählen dürften. Nur leider sind sie alle, sogar als eine besonders intelligente, weltoffene und kooperative Gemeinschaft eingebunden in das herkömmliche soziale System unseres gesamten Planeten, mit seinen Rivalitäten, seinen gewaltsamen Konfliktlösungen und den Selbsttäuschungen, die jeder einzelne oft benutzt, um sich in diesem alten System am Leben halten zu können."

... so auch meine - ich denke begründete jedoch nicht unendlich belastbare - Hoffnung!!

Mit herzlichem Gruß     Alf Pretzell

PermalinkPermalink 2010-02-27 | 20:43
*
* your email address will not be displayed
  your URL will be displayed