Bereits im Jahr 1885 hatte der deutsche Physiker Wilhelm Röntgen Strahlen entdeckt, die auch feste Stoffe leicht durchdringen konnten und die er X-Strahlen nannte. Bald darauf untersuchte der französische Wissenschaftler Henri Becquerel, von welchen Elementen solche X-Strahlen ausgesendet werden. Es gelang ihm mit Uranpecherz eine lichtdicht in Papier verpackte Fotoplatte zu schwärzen - offenbar ging vom Uranerz Strahlung aus! Wenig später konnten der französische Chemiker Pierre Curie und seine Frau Marie nachweisen, dass die von Becquerel entdeckte Strahlung einer Verunreinigung des Uranerzes entstammte - dem bisher unbekannten Radium. Becquerel und das Ehepaar Curie wurden 1903 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Die bis heute gültige physikalische Darstellung für das neu entdeckte Phänomen der Radioaktivität stammt von dem Engländer Ernest Rutherford. Er Begriff, dass bei einigen wenigen schweren Elementen die Atomkerne nicht mehr stabil sind und zerfallen, wobei dieser Zerfall Strahlung freisetzt. Diese Strahlung ist sehr energiereich. Zerfällt ein Gramm Radium, werden drei Millionen Kalorien frei - ein Gramm Kohle liefert, wenn es verbrennt, ganze acht Kalorien Wärmeenergie. Ernst Rutherford warnte deshalb schon 1903:

“Wenn ein geeigneter Zünder gefunden würde, ist es denkbar, daß sich durch die Materie eine Welle des atomaren Zerfalls explosiv fortpflanzt, die diese alte Erde in Asche verwandeln könnte. … Irgendein Gimpel in seinem Laboratorium könnte unversehens die ganze Welt in die Luft sprengen.”

Till Bastian | “Das Jahrhundert des Todes: zur Psychologie von Gewaltbereitschaft und Massenmord im 20. Jahrhundert",
Sammlung Vandenhoeck | Verlag Vandenhoeck & Ruprecht | 2000 | Seite 190

2009-11-01 | achtphasen | 09:02:21 | Email | 2 comments




 

Comment from: Rudolf Uebbing [Visitor]
Eine Fortsetzung zur Rutherfordschen Befürchtung:
Ein Blick in die Historie der Atomphysik -
unterschiedliche Aussagen über einen denkbaren nuklearen Atmosphärenbrand
am Tag der Erstexplosion einer Atombombe, 16. Juli 1945:

Victor WEISSKOPF, Atomphysiker und Mitentwickler der ersten amerikanischen Atombombe, schreibt in seinen Lebenserinnerungen über den Tag des Atomtestes - 16. Juli 1945 -, dass jede erdenkliche Gewissheit zum Nichteintritt eines nuklearen atmosphärischen Brandes zuvor herbeigeführt worden war.

Nach einem Interview mit dem Nobelpreisträger Arthur Holly COMPTON (in American Weekly v. 8. März 1959) war das Risiko mit einem Wert k n a p p unter drei in einer Million vorweg beziffert worden.

Enrico FERMI (Nobelpreisträger) bot Stunden vor dem Test Wetten an, ob eine New Mexiko vernichtende Explosion und ob auch eine weltumspannende ausgelöst würde, wie nachgelesen werden kann.

Nach V. WEISSKOPF lässt sich FERMI in den Stunden vor der Explosion zitieren - scherzhaft:
"Es wäre ein Wunder, wenn sich die Atmosphäre entzünden würde. Nach meiner Schätzung bestehen für ein Wunder etwa zehn Prozent Wahrscheinlichkeit."
WEISSKOPF fährt fort: "Wir lachten alle über diese gewaltige Übertreibung, aber unser Kollege nahm dies nicht als Scherz."

Anmerkung: Legt man die Worte von A.H.COMPTON (Nobelpreisträger) zugrunde, hätte FERMI um den Faktor ca. 30000 übertrieben; die von V. WEISSKOPF gewählte Bezeichnung "Übertreibung" darf auf die Goldwaage gelegt werden. (sh. S. 175 in VICTOR WEISSKOPF - MEIN LEBEN, aus dem Amerikanischen von Liselotte Julius, Scherz Verlag, Bern, 1991)

R.U.
PermalinkPermalink 2009-11-04 | 21:42
Comment from: Rudolf Uebbing [Visitor]
Zweite Fortsetzung zur Rutherfordschen Befürchtung von 1903

Das mir besonders Auffällige am LHC-Experiment besteht darin, dass Menschen in geeigneter Position in der Lage sind, ein ihnen entstehendes Risiko,
u n g e f r a g t und nicht angemessen diskutiert, anderen
u n b e t e i l i g t e n Menschen mit aufzuerlegen.

Man sollte bitte einmal Parallelen zu historisch belegten Vorgängen prüfen.

Victor Weisskopf, einer der Atombombenentwickler im Manhattan-Projekt, hat den zweiten Atombombenabwurf (Nagasaki) für ein Verbrechen gehalten.
(War nicht genau dieses Ereignis v. 9.8.1945 vergleichbar einem Völkermord, wenn nicht schon der erste Abwurf am 6.8.1945 so zu sehen ist ? Der zweite Abwurf hat die Grenzen der Selbstverteidigung überschritten, wie ich meine.)

Bei Robert Jungk, "Heller als tausend Sonnen", Alfred Scherz Verlag Bern, 1956, lese ich Worte von bzw. über den wissenschaftlichen Leiter des Atombomenprojektes J.R. Oppenheimer - auf S. 302:
"Immerhin ist meine Meinung in bezug auf diese Dinge: Wenn man etwas sieht, was einem 'technically sweet' ('technisch süss') erscheint, dann packt man es an und macht die Sache, und die Erörterungen darüber, was damit anzufangen sein, kommen erst, wenn man seinen technischen Erfolg gehabt hat." ... ...

Robert Jungk kommentiert:
"Oppenheimer legt hier absichtlich oder unabsichtlich eine gefährliche Triebfeder des modernen Forschers bloß... Was 'technisch süß' ist, erweist sich ihm als schlechthin unwiderstehlich."

Und auf Seite 215 ebd.:
" ...taten die Atomforscher auch diesmal nur 'ihre Pflicht'. Und die Summe tausender Einzelhandlungen von höchster Gewissenhaftigkeit führte schließlich zu einem Akt kollektiver Gewissenlosigkeit von schauerlicher Größe."

Meine Meinung:
Die Forderung z.B. nach Ethikkommissionen bei einem Teil der physikalischen Forschung ist seit vielen Jahrzehnten lange überfällig (bei medizinischer oder biologischer Forschung jedoch schon lange eine Selbstverständlichkeit);
beim LHC sollte und muss diese geradezu notwendige Forderung schnell umgesetzt werden.

Die Energien in Kolliderexperimenten ständig zu erhöhen darf nicht ohne gleichzeitige Diskussion einer erforderlichen Selbstbeschränkung geschehen -
sonst drohte ggf. der "Unfall des Wissens", wie ein zeitgenössischer Philosoph aus Frankreich sehr aktuell formuliert hat.
Die einfache Sicht lautet: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht ...

R.U.
PermalinkPermalink 2009-11-06 | 00:54
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