1. Der wissenschaftliche Vertrauensbruch

Die zweifelsfreie Unbedenklichkeit des Experimentes wurde bisher nicht gewährleistet. Im Gegenteil: Die wissenschaftliche Diskussion ergibt immer neue Aspekte (Stichworte: Plaga, u.a., Verhalten und Lebensdauer der Neutronensterne, Mini-Black Holes in Sonnenähe etc.), deren sicherheitsrelevante Dimensionen nicht abschließend geklärt sind. Die Behauptung eines nicht vorhandenen Risikos ist wissenschaftlich nicht haltbar, mithin also die Behauptung von Prof. Dr. Ellis „The LHC is safe“ hinfällig. Da es sich bei den sog. Mini Black Holes zudem um hypothetisch vorhergesagte Phänomene handelt, können die Vorhersagen über das Verhalten dieser Phänomene auch nur theoretisch sein. Damit entbehren sie jeder apodiktischen Existenz; was bleibt, sind mehr oder weniger gut begründete wissenschaftliche Prognosen, die sich aus dem Stand unserer jetzigen theoretischen und empirischen wissenschaftlichen Forschung ergeben. Da eben dieser Stand unseres theoretischen und empirischen Wissens immer korrigiert werden kann, ist eine apodiktische Aussage über das Verhalten solch theoretisch postulierter Phänomene wissenschaftstheoretisch absurd. Mögen die Gründe noch so wohl erwogen und plausibel sein: Sie basieren auf Annahmen, die per definitionem falsch sein können.

2. Der ethische Vertrauensbruch

Das nicht zur Disposition stehende „summum bonum“ als Maßstab menschlicher Vernunft kann nur die Weiterexistenz der Menschheit und des Planeten Erde als Ganzes selbst sein. Es kann kein wissenschaftliches, ökonomisches, gesellschaftliches oder sonstiges Ziel geben, das über diesem summum bonum stehen darf, und in Folge darf auch keine menschliche Handlung dieses summum bonum in Gefahr bringen. Kein Erkenntnisfortschritt – und sei er noch so epochal – keine ökonomischen und keine sonstigen Motive rechtfertigen je die Gefährdung der „Existenz des Ganzen“. Wissenschaft und Ethik, mithin also Verstand und Vernunft des Menschen, dürfen über dieses „summum bonum“ nicht in einen Widerspruch verfallen; vielmehr gebietet es das Primat selbst, dass alle Tätigkeit des Menschen sich daran orientieren muss.

Da eine Gefährdung dieses „summum bonum“ durch die Durchführung des LHC - Experimentes nicht ausgeschlossen werden kann – die wissenschaftlichen Fragen sind nicht beantwortet - liegt bei der Durchführung des Experimentes der Fall der „ignorantia crassa“ vor, also eine wissentliche Inkaufnahme der Gefährdung der Existenz der Menschheit und des Planeten.

Lieber Galileo, sehr geehrter Mac Mag, sehr geehrte das LHC - Experiment befürwortende Physikergemeinde!

Da die doch in Teilen sehr offensichtliche Ironie meines 1. Schreibens ( http://www.achtphasen.net/index.php/boesegutlieb/2008/11/04/anmerkungen_zu_drei_satzen_von_galileo ) nicht verstanden worden ist (von Mac Mag) versuche ich mich noch einmal so klar und verständlich wie möglich auszudrücken.

Was wir als Menschen auch tun, wir erstellen uns selbst in unterschiedlichster Weise Systeme, die „vorläufig“ sind. Sie sind als Systeme einerseits notwendig, andererseits ist eine kritische Distanz zu allen Systemen, ein „Darüber – Hinaus -Schreiten“, eine permanente „Selbst-Kritik“, eine conditio sine qua non. Denn die Aufgabe dieser permanenten Kritik und Selbst - Distanz führt geradewegs in Totalitarismus, Fundamentalismus und hermetische Systeme.

Diese Prämisse (das Denken und Handeln in „vorläufigen Systemen“) bezieht sich auf all unser Tun und Denken: Es gilt in wissenschaftlichen, politischen, ethischen, religiösen, philosophischen und ästhetischen Dimensionen.

Der mündige Mensch wagt zu denken. Er misstraut vorgefertigten und hermetischen Systemen. Er vertraut zwar auf seine Systeme, hinterfragt sie jedoch zugleich. Er ist nie „am Ende“, sondern immer „im Anfang“. Seine Antworten sind zugleich immer der Beginn von Fragen. Sein Zögern ist sein Gewissen, seine Zweifel sind sein kritisches Denken und sein Protest sein aufrechter Gang. Wo andere aufhören, beginnt er, wo andere sicher sind, bewahrt er seine Unsicherheit, wo andere sich hinsetzen, steht er auf.

Immanuel Kant nannte diesen mündigen Menschen den aufgeklärten Menschen.

Lieber Galileo, die kritische Theorie von Marx, Marcuse et.al. steht auf den Schultern der Aufklärung. Sie ist kein Akzidens, über das wir uns „trefflich unterhalten könnten“, sie ist keine „intellektuell anspruchsvolle Nebensächlichkeit“, die mit unserer Hochtechnologiegesellschaft nichts zu tun hätte: Nein, sie trifft ins Mark unserer Probleme. Sie gibt uns Anregungen für unser kritisches Bewusstsein. Und natürlich impliziert sie die Forderung eines kritischen Bewusstseins für alle Bereiche des Lebens, also natürlich auch für einen wissenschaftlichen Betrieb. Die Wissenschaft ist keine abgeschottete Spielwiese, die nichts mit der Politik, nichts mit einer ökonomischen Basis und nichts mit gesellschaftlich gewachsenen Strukturen zu tun hätte. Wie viele Institutionen sind, wie viel Kapital und „Man – Power“ ist an der Produktion der größten Maschine der Welt und an der Durchführung der Experimente beteiligt? Und diese Verflechtungen sollen hier allen Ernstes naiv von einer kritischen Hinterfragung ausgespart werden mit dem Argument: „Die Politiker sollten sich von unserer demokratischen Arbeitsweise mal ein Scheibchen abschneiden“? Hinter der Inbetriebnahme des LHC stehen auch ökonomische Interessen.

Die Wissenschaft ist ein Teil unserer „systemschaffenden“ menschlichen Tätigkeit und erfordert umso gewichtiger die Energie eines Korrektivs kritischer Distanz. Wo sie diese Energie nicht selbst aufbringt, gerät auch der wissenschaftliche Betrieb in die Gefahr der Hermetik und damit in die Gefahr totalitärer Strukturen. Eben diese Tendenz zur Entstehung totalitärer Strukturen beleuchtete seinerzeit Marcuse für unsere Gesellschaft. Die Menschen sind Teile eines Systems. Ein System, das die Bedürfnisse aller Beteiligten auf relativ hohem Niveau befriedigt, ebnet die Widersprüche und damit auch das kritische Bewusstsein ein. Ein solches System gerät in die Gefahr, in die „schöne neue Welt“ zu driften, und zwar mit dem Anschein einer „sachlichen Notwendigkeit“.

Eine Technologiekritik und eine Wissenschaftskritik sind Teil der Aufklärung und Teil eines kritischen Bewusstseins. Dass es zugelassen wird, in der Diskussion um die Inbetriebnahme des LHC die ethischen von den wissenschaftlichen Argumenten zu trennen und die Kritiker zu diskreditieren, zeugt davon, wie weit sich totalitäre Tendenzen schon manifestieren.

Enrico Pellegrino

2008-11-10 | achtphasen | 19:22:27 | Email | 11 comments




 

Comment from: galileo2609 [Visitor] · http://www.relativ-kritisch.de/forum/viewforum.php?f=46
Lieber Enrico Pellegrino,

lassen Sie mich mit Ihrem zweiten Punkt beginnen, dem von Ihnen behaupteten "ethischen Vertrauensbruch". Sie schreiben:
"Das nicht zur Disposition stehende „summum bonum“ als Maßstab menschlicher Vernunft kann nur die Weiterexistenz der Menschheit und des Planeten Erde als Ganzes selbst sein. Es kann kein wissenschaftliches, ökonomisches, gesellschaftliches oder sonstiges Ziel geben, das über diesem summum bonum stehen darf, und in Folge darf auch keine menschliche Handlung dieses summum bonum in Gefahr bringen."

Sie wissen wie ich, dass dieses 'Höchste Gut' im kulturhistorischen Zusammenhang nie ein absoluter Wert, sondern ein vom jeweiligen geistigen 'mainstream' relativ definiertes ist. Schöngeistige Begriffe helfen uns in unserer Diskussion daher nicht weiter, auch wenn sie noch so belesen und wohl klingen. Wenn wir uns auf den puren 'terminus technicus' einigen können, dass wir beiderseitig im Sinne haben diese Welt nicht zu gefährden, sind wir allerdings intellektuell nahe beieinander. Die Weiterexistenz der Menschheit ist jedoch kein unbedingtes Gut, sondern wie bereits Hans Jonas schon feststellte an anthropozentrische Bedingungen geknüpft. Für Jonas war das Überleben nicht nur eine blosse Bewahrung der Existenz der biologischen Art Mensch. Ihm ging es um die Permanenz echten menschlichen Lebens, um die Fähigkeit und Grundlage vernünftigen Wissens und freien Wollens. Das umfasst auch die Pflicht zur Erhaltung der gesellschaftlichen Bedingungen für die Wahrneh­mung von Verantwortung.

Aus meiner Sicht entzieht diese Verpflichtung jeder 'Verzichtsideologie' die moralische Grundlage. Wer Jonas ernst nehmen will, muss weiter fragen, was der Verzicht auf Wissen bedeuten kann. Den wirklichen 'global killer' ist mit Verzicht nicht beizukommen, sondern lediglich durch Grundlagenforschung. Von dieser Abstand zu nehmen, bedeutet die Unterschreitung der Schwelle, "echtes menschliches leben" zu garantieren. Oder mit den Worten von Manfred Eigen:
"Ohne Zweifel: je mehr wir wissen, um so weniger davon dürfen wir anwenden. Gerade aus diesem Grunde müssen wir eben noch mehr wissen. Es ist notwendig, bei jedem Schritt, den wir tun, zu überlegen, welches Risiko wir eingehen. Doch eben so notwendig ist es zu fragen, was geschehen würde, wenn wir diesen Schritt nicht tun." (Manfred Eigen, 1991: Wir müssen wissen, wir werden wissen, in: H. Lenk (Hrsg.), Wissenschaft und Ethik, Stuttgart)

Sehen Sie, Enrico Pellegrino, auch wir haben unseren Marx, Marcuse et.al. als Aufklärer gelesen, allein wir verbleiben nicht bei ihrer 'Negativität', wie es nur Puristen noch vermögen. Man muss nicht affirmativ sein, um die kontrafaktischen Konditionalen anzuerkennen, die uns die Klassiker der modernen Sozialphilosophie ermöglichen. Ihre Schlussfolgerung:
"Eine Technologiekritik und eine Wissenschaftskritik sind Teil der Aufklärung und Teil eines kritischen Bewusstseins. Dass es zugelassen wird, in der Diskussion um die Inbetriebnahme des LHC die ethischen von den wissenschaftlichen Argumenten zu trennen und die Kritiker zu diskreditieren, zeugt davon, wie weit sich totalitäre Tendenzen schon manifestieren."
empfinde ich daher als unhistorische Anmassung. Weder werden die 'Kritiker' in toto diskreditiert noch nicht ernstgenommen. Wir verlangen aber ein Mindestmass an ernstzunehmender Basis. Und wir sind nicht müde geworden, einen gemeinsamen Dialog zu ermöglichen.

Wenn Sie jetzt mit Ihrem ersten Punkt, dem von Ihnen behaupteten "wissenschaftlichen Vertrauensbruch" weiter hinter alle gemeinsam erarbeiteten Fakten zurückfallen, sehe ich keine gemeinsame Basis mehr. Sie werden es mir nachsehen, dass ich unter diesen Umständen lieber an Marc Fasnachts Bemühungen partizipiere, als mich weiterer Klassiker-Exegese anzuschliessen, die mich nur zu unangenehm an die Ideologiedebatten der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnern. Ich muss mich leider wiederholen: "Für einen Geisterreigen bin ich nicht zu haben" (http://www.achtphasen.net/index.php/boesegutlieb/2008/11/04/anmerkungen_zu_drei_satzen_von_galileo#c413)

Grüsse galileo2609
PermalinkPermalink 2008-11-10 | 22:46
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Pellegrino,

eine Frage sei mir nun doch gestattet: Lesen Sie überhaupt die Antworten auf die Stichworte: "Plaga, u.a.", "Verhalten und Lebensdauer der Neutronensterne", "Mini-Black Holes in Sonnenähe" und so weiter ??

Solange Sie das nicht tun, sind Diskussionen mit Ihnen ebenso müssig wie zwecklos ! Ja schlimmer noch - solange Sie das nicht tun, sondern sich gar zu einer völlig inakzeptablen Wortwahl "wissenschaftlicher Vertrauensbruch" hinreissen lassen, komme ich nicht umhin, Ihnen eine - wohlbemerkt beabsichtigte ! - Irreführung der mitlesenden Allgemeinheit zu unterstellen !

Bitte lassen Sie sich wieder auf den Dialog ein - wir alle wissen, dass er "schwierig" ist, statt längst widerlegte oder unhaltbare Argumente nachzuplappern.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Messungen der Gravitation im Mikrometer-Bereich, ich kann Ihnen als weiteren Einwand auch das "Kühlverhalten" von Supernova-Explosionen nennen, d.h. wie Supernovae ihre riesige Energie abgeben; bei 1 oder 2 Extradimensionen wäre das Gravitationsverhalten im Mikrometerbereich nicht-kepler'sch (d.h. nicht via 1/r^2) und das Kühlverhalten würde nicht neutrino-dominant erfolgen, im Gegensatz zu den Mess-Resultaten.

Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-11 | 09:49
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Hallo zusammen,

ich möchte der Vollständigkeit halber anfügen, dass der Kommentar von galileo2609 erst nach der Schriftlegung meiner obigen Einschätzung freigeschaltet wurde und somit die beiden obigen Beurteilungen unabhängig voneinander erfolgt sind.

Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-11 | 17:26
Comment from: achtphasen [Member] Email
Hallo Herren Kannenberg und Galileo2609
Sie verkennen in Ihren Kommentaren das genau da worüber Sie sich beschweren die 'Schwierigkeit' des von Ihnen initiierten und von uns gerne aufgenommenen 'schwierigen Dialog' liegt.
Die Technokratur befasst sich eben nur mit Detailaspekten und blendet den Zusammenhang aus.
Der Versuch das Unwohlsein angesichts eines nicht über Zweifel an seiner Aufrichtigkeit erhabenen Experimentators als 'Klassiker-Exegese' abztun ist polemisch.
Herrn Pellegrinos Hinweis auf Vertrauensbrüche ist mutig und wichtig - ich hoffe seine wertvolle Artikulation ethischer Fragestellung helfe, die fachliche physikalische
Argumentation dahingehend zu präzisieren, dass allgemein anerkennbare Gewissheiten erlangt werden können. Auch dies muss Ziel des 'schwierigen Dialoges' sein.

freundliche Grüsse, Marc Fasnacht
PermalinkPermalink 2008-11-12 | 12:15
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Fasnacht,

vielen Dank für Ihre Stellungnahme, die mir sehr bedeutsam erscheint. - Ich denke aber, ganz so einfach geht es nicht mit der Begriffsbildung "Detailaspekt" und/oder "Zusammenhang".

Ich möchte diese Thematik der Argumentation gerne unabhängig (und somit emotionsfrei) der Fragestellung nach der Sicherheit unserer Erde erörtern und habe dazu ja auch schon ein sehr einfaches Beispiel genannt, welches ja auch schon von Herrn Pellegrino aufgenommen wurde. Da seinerseits Missverständnisse auftraten und mir bedauerlicherweise ein kleiner Irrtum bei der Formulierung der Voraussetzung unterlaufen ist, möchte ich bemüht sein, Voraussetzungen und Resultate strikte getrennt zu formulieren, auch auf die Gefahr hin, dass das ganze dabei etwas unleserlich wird; der Sachverhalt indes ist so einfach, dass man das leicht verstehen kann.


Voraussetzung:
Es seien 1 und 2 die beiden kleinsten natürlichen Zahlen oder die zugehörigen Repräsentanten der entsprechenden Restklassen-Gruppe modulo n mit n echt grösser als 2.

Resultat:
Dann gilt 1 + 1 = 2


Es steht Ihnen selbstverständlich völlig frei, dieses Resultat als zu eingeschränkt zu empfinden und in einen grösseren Zusammenhang stellen zu wollen. So ist es beispielsweise möglich, dieses Resultat in einen grösseren mathematischen Zusammenhang stellen zu wollen - beispielsweise indem Sie auch die Fälle der Restklassen-Gruppe modulo 2 (1+1=0) und den trivialen Fall der Restklassen-Gruppe modulo 1 (1+1=1) dem Resultat beifügen oder indem Sie das ganze von Restklassen-Gruppen auf beliebige kommutative Gruppen zu erweitern versuchen, als nächstes dann auf beliebige Gruppen, also solche, welche auch nicht kommutativ zu sein brauchen und vielleicht sogar auf noch allgemeinere algebraische Strukturen. Das können Sie machen und dabei werden Sie auch (möglicherweise verallgemeinerte) Resultate erhalten. Es wird Ihnen beispielsweise gelingen, für ein beliebiges Gruppenelement endlicher Ordnung echt grösser als 2 - ohne zusätzliche Annahme über die Gruppe, der dieses Element angehört, eine Gruppe zu "erzeugen" (d.h. die Menge aller Elemente, bei denen a beliebig oft mit sich selber verknüpft wird), welche isomorph zur Restklassen-Gruppe modulo der Ordnung dieses Gruppenelementes ist. Das ist eine sehr schöne Verallgemeinerung und folgt aus der Gültigkeit des Assoziativgesetzes in allen Gruppen.

Einen solchen Prozess nennt man "Verallgemeinerung". Aber auch unter all' diesen Verallgemeinerungen wird obiges Resultat unter Annahme der genannten Voraussetzungen seine Gültigkeit behalten.

Beim Erstellen eines grösseren Zusammenhanges könnte man sich selbstverständlich auch nicht-mathematische Erweiterungen vorstellen, beispielsweise philosophische Methoden. Das ist völlig legitim und auch begrüssenswert. Aber auch solche Erweiterungen können obiges Resultat unter Annahme der genannten Voraussetzungen nicht widerlegen.


Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-12 | 18:00
Comment from: galileo2609 [Visitor] · http://www.relativ-kritisch.de/forum/viewforum.php?f=46
Hallo Marc Fasnacht, hallo Enrico Pellegrino,

"Sie verkennen in Ihren Kommentaren das genau da worüber Sie sich beschweren die 'Schwierigkeit' des von Ihnen initiierten und von uns gerne aufgenommenen 'schwierigen Dialog' liegt."

selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass die Schwierigkeiten in unserem Dialog nicht nur naturwissenschaftlicher Natur sind. Im wesentlichen liegen sie in unterschiedlicher Perspektive begründet. Eine wesentliches Problem liegt darin, dass Sie beständig einen bias mitschleppen, den Hartwig Struckmeyer einmal so treffend beschrieben hat:
"Die Dramatik der Kontroverse liegt wesentlich in einem Punkt: der Risikoabschätzung einer möglichen Gefährdung der Existenz unseres Planeten und den Folgen. [...] Ich kann dieses Risiko nicht einschätzen." (http://www.achtphasen.net/index.php/2008/06/13/p537)
Ich habe das bereits weiter oben, am 05.11. erwähnt. Sie sind nicht in der Lage, sich von diesem Filter einmal völlig zu lösen und so kommt es zwangsläufig zu Aussagen wie folgenden:
"Die Technokratur befasst sich eben nur mit Detailaspekten und blendet den Zusammenhang aus."
die unseren Dialog von Ihrer Seite eben nicht voraussetzungslos gestalten, sondern eine Präfixierung in sich belässt. Damit ist auch die Ergebnisoffenheit nicht unbedingt gefördert.

Ich kann das akzeptieren, da dieser bias eine nicht unwesentliche intellektuelle Herausforderung für die Überzeugungsfähigkeit der eigenen Argumente ist.

Belastender finde ich eher eine solche Aussage:
"Der Versuch das Unwohlsein angesichts eines nicht über Zweifel an seiner Aufrichtigkeit erhabenen Experimentators als 'Klassiker-Exegese' abztun ist polemisch."
Lassen Sie mich erneut versuchen, das zu verdeutlichen. Der Hinweis auf die 'Klassiker-Exegese' ist nun mal nicht polemisch gemeint, er ist mir ernst. Ich habe da auch noch einen Regalmeter Eurokommunisten, einen weiteren mit anarchistischen Theoretikern und bei Bedarf auch noch einen mit Behavioristen. Aber was soll's? Diese Debatten sind vorbei. Es macht in meinen Augen keinen Sinn, auf diesem Level zu diskutieren. Ich bin der Letzte, der diese Welt schönreden wird oder ihre politische und gesellschaftliche Verfasstheit nicht in Frage stellt. Aber eine Wiederholung der Dispute analog zu den weltfremden Auseinandersetzungen darüber, ob der Staat nun der ideale Gesamtkapitalist oder nur der Agent des Kapitals ist, oder ob die Frauenfrage ein Haupt- oder Nebenwiderspruch des Klassenkampfs sei, braucht kein Mensch mehr.

"Herrn Pellegrinos Hinweis auf Vertrauensbrüche ist mutig und wichtig - ich hoffe seine wertvolle Artikulation ethischer Fragestellung helfe, die fachliche physikalische Argumentation dahingehend zu präzisieren, dass allgemein anerkennbare Gewissheiten erlangt werden können. Auch dies muss Ziel des 'schwierigen Dialoges' sein."

Lieber Marc Fasnacht, lieber Enrico Pellegrino,
die erwähnten "Vertrauensbrüche" sind eines sicherlich nicht: Wahrheiten! Wohlmeinend mag man sie Hypothesen nennen, die zu begründen wären. Und wenn ich für einen erweiterten Dialog stehe, der die gesellschaftliche Sphäre mit umfasst, dann lassen Sie uns hier weniger exegetisch-abstrakt, sondern konkret werden. Lassen Sie uns darüber diskutieren, wo Sie konkrete ethische, kulturelle, politische ... Probleme sehen. Gehen wir vom konkreten Beispiel aus, dann gehe ich auch mit, auch bis ins Abstrakte der sozioökonomischen Analyse! Aber bitte zunächst konkret.

Ich möchte einen Vorschlag machen. Wir reden ja über das CERN und 'seinen' Large Hadron Collider. Lassen Sie uns zunächst diese beiden Begriffe entmystifizieren. Das CERN stellt den Teilchenbeschleuniger, die Logistik und den Service bereit. Aber der Beschleunigerring wäre eine recht nutzlose Rennbahn für Teilchen ohne die angeschlossenen Experimente. Diese werden jedoch von internationalen Konsortien bereitgestellt und finanziert, die aus vielen wissenschaftlichen Instituten bestehen. In dieser Organisationsstruktur unterscheiden sich die Betreiber der LHC-Experimente nicht von den Kollaborationen, die überall auf der Welt grossartige wissenschaftliche Projekte betreiben. Seien es Raumsonden zu anderen Planeten, Weltraumteleskope oder die grossen Observatorien auf der Erde. Überall werden Sie die gleichen Strukturen finden, ähnliche Verträge und Finanzierungen. Grundlagenforschung auf hohem Niveau wäre anders nicht mehr durchführbar. Nennen Sie mir konkrete Kritikpunkte an dieser wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Vergleichen wir die Kosten, z. B. für den LHC und das Hubble Space Telescope. Machen wir eine Umweltbilanz auf, z. B. für das CERN und die Saturn-Sonde Cassini. Diskutieren wir über den gesellschaftlichen Nutzen der Gravity-Probe B. Usw. usf., aber machen wir endlich mal einen Anfang!

Grüsse galileo2609
PermalinkPermalink 2008-11-13 | 00:20
Comment from: Enrico Pellegrino [Visitor] · http://www.enricopellegrino.de
Lieber Galileo,


Ja, Sie haben Recht. Wahrscheinlich ist es wohl so, dass uns Platon, Schopenhauer, Hegel, Marx, Engels, Tolstoi, Kropotkin, Landauer, Godwin, Mackay, Stirner, Krishnamurti, Rosa Luxemburg, Horkheimer, Adorno und wie immer sie heißen mögen in dieser Sache nicht weiter helfen können. Denn alles was sie geschrieben haben, hat ja mit unserem Leben nichts mehr zu tun, ist zudem abgearbeitet und nicht mehr von allzu großem aktuellen Wert.
Vor allem entbehren die Gedanken dieser Denkerinnen und Denker der konkreten Eingrenzung, ja, ich möchte einen Schritt weiter gehen: sie sind doch recht global. Und ihre weit reichenden Ansätze eher vage. Insgesamt lebten sie ja allesamt im Wolkenkuckucksheim. In diesem Sinne: Weiterhin viel Erfolg im Handeln! Und immer dran denken: 1 + 1 = 2! Dann wird schon alles klappen.


Freundliche Grüße
Enrico Pellegrino

P.S. Kennen Sie eigentlich die "Dienstanweisungen für einen Unterteufel"? C.S. Lewis beschreibt darin recht beeindruckend, wie der Unterteufel Screwtape in Briefen seinen ihm anvertrauten Neffen belehrt. Auch im folgenden Zitat aus dem Werk wird deutlich, wie sinnlos und ggf. gefährlich es ist, geisteswissenschaftliche Erkenntnisse aus der Vergangenheit zu beherzigen und von einer Generation zur nächsten weiter zu geben:
"Da es nun aber unmöglich ist, die ganze menschliche Rasse immer hinters Licht zu führen, ist es wichtig, eine Generation von der andern abzuschneiden. Sobald die Wissenschaft frei von einem Zeitalter ins andere hinübergeleitet werden könnte, läge die Gefahr nahe, daß die charakteristischen Fehler des einen von den charakteristischen Wahrheiten des andern korrigiert würden. Aber dank Unserem Vater und dem ´geschichtswissenschaftlichen Standpunkt´ schöpfen die großen Gelehrten von heute so wenig Erkenntnis aus dem Wissen der Vergangenheit wie der unwissendste Schlosser, der behauptet, ´Geschichte ist Humbug´!"
PermalinkPermalink 2008-11-14 | 14:22
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Pellegrino,

mit grossem Bedauern stelle ich fest, dass Sie sich vom Dialog verabschiedet haben. Niemand hat behauptet, dass Platon, Schopenhauer, Hegel, Marx, Engels, Tolstoi, Kropotkin, Landauer, Godwin, Mackay, Stirner, Krishnamurti, Rosa Luxemburg, Horkheimer, Adorno und wie immer sie heissen mögen, mit unserem Leben nichts mehr zu tun haben. Aber ist einer von denen denn wirklich befähigt, die Sicherheit am neuen Teilchenbeschleuniger zu beurteilen ? - Ja hätte einer von denen meinen mir bedauerlicherweise unterlaufenen Fehler in Verwechslung der Elementordnung und der Gruppenordnung entdecken können ? Vielleicht, wenn er oder sie etwas Mathematik studiert hätten. Ein Student im 3.Semester indes hätte meinen Irrtum sofort aufdecken können, bei mir hat es halt etwas länger gedauert, aber auch ich habe es noch vor jedem anderen Leser dieses Themas gemacht.

Nein Herr Pellegrino, Sie irren sich - solche Detailaussagen können nur von Spezialisten bemerkt werden. Und die Sicherheit am LHC kann auch nur von Spezialisten beurteilt werden; alle Erweiterungen in grössere Zusammenhänge und das Miteinbeziehen disziplinenübergreifender Gremien bringt nur eine gewisse Willkür in die Diskussion und - schlimmer noch - hält die Spezialisten von ihrer Arbeit ab. Nach wie vor werden die Fälle von nur einer oder zwei Extradimensionen von den Kritikern breitgetreten, obgleich das Experiment längst gezeigt hat, dass dies zwar theoretisch zulässige Szenarien sind, unsere Welt aber nicht diesen Weg beschritten hat. Man könnte ja auch alternativ ein Szenario diskutieren, bei dem die up- und down-Quarks, aus denen Protonen und Neutronen aufgebaut sind, tausendmal mehr Ruhemasse haben; in einem solchen Szenario würden vielleicht weit mehr Schwarze Löcher produziert. Aber eben - das sind theoretische Modelle, die durchaus ihre Daseinsberechtigung haben, die aber mit unserer Welt, in der wir leben, nicht viel gemein haben.

Dass wir uns nicht missverstehen: Ich habe gewiss nichts gegen disziplinenübergreifende Zusammenarbeit und die Einbettung von Detailaspekten in einen grösseren Zusammenhang, aber man muss die Regeln verstehen, wie ein solches "Einbetten" bewerkstelligt werden kann, damit das gelingen kann. Leider werden diese Regeln derzeit vom LHC-Widerstand zuwenig beachtet, was zur Folge hat, dass anstelle wertvoller Verallgemeinerungen lediglich Spekulationen und Willkür eingebracht werden. Das kann man gezielt einsetzen, um Ängste zu schüren oder um eigene Publikationen erneut zu promoten. Aber der Sicherheitsdebatte um unseren Heimatplaneten sind sie leider nicht dienlich.

Aus diesem Grunde bitte ich Sie herzlich, wieder zum Dialog zurückzukehren.


Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-14 | 15:47
Comment from: Enrico Pellegrino [Visitor] · http://www.enricopellegrino.de
„Der Künstler hingegen – also der Dichter und der Maler – hat seine ursprüngliche Funktion niemals eingebüßt und vermittelt einen Eindruck von der Wirklichkeit als Totalität, indem er seine Wirklichkeitsdeutung sinnlich vermittelt.“


Mark Rothko, Die Wirklichkeit des Künstlers, C.H. Beck, München 2005, S. 82


Sehr geehrter Herr Kannenberg,


herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich weiß wohl, dass mein letzter Beitrag zur Diskussion ironisch war. Ihre Replik zeigt jedoch, dass auch die Ironie eine zulässige Sprache im Diskurs ist, weil sie Widersprüche auf die Spitze treibt und damit verdeutlicht. Natürlich ist sie nicht akzeptabel, wenn sie verletzend und zynisch wird. Es sei Ihnen versichert, ich schätze Sie und Ihre Beiträge und glaube, dass sie von großer Integrität getragen sind.


Im Abarbeiten unserer Rollen – die beide ihre Berechtigung haben – kommen wir der Sache, so hoffe ich, immer näher.


Ihnen mag nicht aufgefallen sein, dass Sie in ihrem letzten Beitrag eben meine Kritikpunkte in Ihrer Sprache aufs Beste dargestellt haben (bis auf einen Unterschied: dass Sie diese Aussage für nicht kritikwürdig im Sinne von „hinterfragenswert“ betrachten):


„Nein Herr „Pellegrino, Sie irren sich -solche Detailaussagen können nur von Spezialisten bemerkt werden. Und die Sicherheit am LHC kann auch nur von Spezialisten beurteilt werden; alle Erweiterungen in grössere Zusammenhänge und das Miteinbeziehen disziplinenübergreifender Gremien bringt nur eine gewisse Willkür in die Diskussion und - schlimmer noch - hält die Spezialisten von ihrer Arbeit ab.“


Ja. Besser könnte ich meine Zweifel nicht formulieren: Über diese Welt, in der alle Detailaussagen nur noch von „Spezialisten“ bemerkt und beurteilt werden, die dann gleichzeitig „ihre Arbeit tun“ – also Entscheidungen fällen. Und zwar nur aus „Sachargumenten“ heraus. In eben dieser Welt leben wir. Es sei hintangestellt, welche historischen Prozesse der Arbeitsteilung zu dieser immer größeren Spezialisierung geführt haben, ob es eine teleologische Richtung zum „Besseren“ durch diese Spezialisierung gibt oder nicht. Doch m.E. ist es offensichtlich, dass der Prozess der Spezialisierung in der Menschheitsgeschichte ein typisch dialektischer ist: In seiner Widersprüchlichkeit bringt er Fortschritte und Rückschritte zugleich –Erleichterungen und – im Hochtechnologiezeitalter – auch immer unabsehbarere Gefahren. Die Trennung von ethischen und wissenschaftlichen Denkweisen, oder, wie Einstein es formulierte, die immer weiter auseinanderklaffende Schere von Vernunft und Verstand ist eine Quelle von Risiken. Der Anspruch bleibt hoch – und durch die Fülle des Wissens und der Zunahme unserer technischen Fähigkeiten wird er immer schwieriger einzulösen – hier zwischen dem was wir tun können, und dem was wir tun sollten, vernünftig abzuwägen. Diese Abwägung ist nicht nur eine, die sich aus den sog. „Sachargumenten“ aus dem Für und Wider über die Theorien von Plaga, Rössler, den Neutronensternen etc. speist, sondern eine ethische mit allen politischen, ökologischen, gesellschaftlichen Konnotationen. Sie zu „entbetten“, also aus eben diesem Zusammenhang herauszulösen, halte ich für gefährlich.


Die Diskussion um den LHC ist vielleicht paradigmatisch. Was die Dramatik der Gefahren des „Spezialistentums“ angeht, hat diese vor Ihnen Herr Johann Grolle im Spiegel ebenso gut beschrieben. Doch auch ihm mag nicht aufgefallen sein, was er da eigentlich geschrieben hat.


Der Abschnitt sei an dieser Stelle noch einmal wiederholt:
“So ganz überblickt also kein Einzelner mehr das Ganze. Das Gerät entwickelt ein Eigenleben, ´es entwickelt eine Art eigene Intelligenz´, meint die Soziologin. Das Heer der Wissenschaftler, dass dem Monstrum Atlas gegenübersteht, beschreibt sie als ´Superorganismus´, die Forscher selbst nennen es ´Kollaboration´. Wie in einem Bienenstaat, so ist auch hier jeder Einzelne nichts; vollbringen können sie ihr großes Werk nur im Kollektiv. `Distribuierte Kognition´ nennt das die Soziologin: eine Art Vergesellschaftung des Geistes."


(Johannes Grolle, zitiert aus dem SPIEGEL, Nr. 27/30.6.08)


Ich überlasse eine Beurteilung dieses Abschnittes Ihrem kritischen Bewusstsein.


Freundliche Grüße
Enrico Pellegrino
PermalinkPermalink 2008-11-16 | 19:46
Comment from: ralfkannenberg [Visitor]
Sehr geehrter Herr Pellegrino,

besten Dank für Ihre Beurteilung, in der ich über weite Teile mit Ihnen einig gehe.

Freundliche Grüsse, Ralf Kannenberg
PermalinkPermalink 2008-11-17 | 13:00
Comment from: Walter [Visitor]
Ein Mathematiker und ein Politiologe mit wenig Physikverständnis und einer Vorliebe für Streit verteidigen den CERN.


Es wird den Herren im LHC niemals gelingen ein schwarzes Loch zu erzeugen, da sie noch nicht einmal begriffen haben, was ein schwarzes Loch überhaupt ist. Von daher ist die Welt vor schwarzen Löchern sicher. Nicht aber vor bösen Buben.
PermalinkPermalink 2009-03-09 | 15:06
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