1. Der wissenschaftliche Vertrauensbruch
Die zweifelsfreie Unbedenklichkeit des Experimentes wurde bisher nicht gewährleistet. Im Gegenteil: Die wissenschaftliche Diskussion ergibt immer neue Aspekte (Stichworte: Plaga, u.a., Verhalten und Lebensdauer der Neutronensterne, Mini-Black Holes in Sonnenähe etc.), deren sicherheitsrelevante Dimensionen nicht abschließend geklärt sind. Die Behauptung eines nicht vorhandenen Risikos ist wissenschaftlich nicht haltbar, mithin also die Behauptung von Prof. Dr. Ellis „The LHC is safe“ hinfällig. Da es sich bei den sog. Mini Black Holes zudem um hypothetisch vorhergesagte Phänomene handelt, können die Vorhersagen über das Verhalten dieser Phänomene auch nur theoretisch sein. Damit entbehren sie jeder apodiktischen Existenz; was bleibt, sind mehr oder weniger gut begründete wissenschaftliche Prognosen, die sich aus dem Stand unserer jetzigen theoretischen und empirischen wissenschaftlichen Forschung ergeben. Da eben dieser Stand unseres theoretischen und empirischen Wissens immer korrigiert werden kann, ist eine apodiktische Aussage über das Verhalten solch theoretisch postulierter Phänomene wissenschaftstheoretisch absurd. Mögen die Gründe noch so wohl erwogen und plausibel sein: Sie basieren auf Annahmen, die per definitionem falsch sein können.
2. Der ethische Vertrauensbruch
Das nicht zur Disposition stehende „summum bonum“ als Maßstab menschlicher Vernunft kann nur die Weiterexistenz der Menschheit und des Planeten Erde als Ganzes selbst sein. Es kann kein wissenschaftliches, ökonomisches, gesellschaftliches oder sonstiges Ziel geben, das über diesem summum bonum stehen darf, und in Folge darf auch keine menschliche Handlung dieses summum bonum in Gefahr bringen. Kein Erkenntnisfortschritt – und sei er noch so epochal – keine ökonomischen und keine sonstigen Motive rechtfertigen je die Gefährdung der „Existenz des Ganzen“. Wissenschaft und Ethik, mithin also Verstand und Vernunft des Menschen, dürfen über dieses „summum bonum“ nicht in einen Widerspruch verfallen; vielmehr gebietet es das Primat selbst, dass alle Tätigkeit des Menschen sich daran orientieren muss.
Da eine Gefährdung dieses „summum bonum“ durch die Durchführung des LHC - Experimentes nicht ausgeschlossen werden kann – die wissenschaftlichen Fragen sind nicht beantwortet - liegt bei der Durchführung des Experimentes der Fall der „ignorantia crassa“ vor, also eine wissentliche Inkaufnahme der Gefährdung der Existenz der Menschheit und des Planeten.
Lieber Galileo, sehr geehrter Mac Mag, sehr geehrte das LHC - Experiment befürwortende Physikergemeinde!
Da die doch in Teilen sehr offensichtliche Ironie meines 1. Schreibens ( http://www.achtphasen.net/index.php/boesegutlieb/2008/11/04/anmerkungen_zu_drei_satzen_von_galileo ) nicht verstanden worden ist (von Mac Mag) versuche ich mich noch einmal so klar und verständlich wie möglich auszudrücken.
Was wir als Menschen auch tun, wir erstellen uns selbst in unterschiedlichster Weise Systeme, die „vorläufig“ sind. Sie sind als Systeme einerseits notwendig, andererseits ist eine kritische Distanz zu allen Systemen, ein „Darüber – Hinaus -Schreiten“, eine permanente „Selbst-Kritik“, eine conditio sine qua non. Denn die Aufgabe dieser permanenten Kritik und Selbst - Distanz führt geradewegs in Totalitarismus, Fundamentalismus und hermetische Systeme.
Diese Prämisse (das Denken und Handeln in „vorläufigen Systemen“) bezieht sich auf all unser Tun und Denken: Es gilt in wissenschaftlichen, politischen, ethischen, religiösen, philosophischen und ästhetischen Dimensionen.
Der mündige Mensch wagt zu denken. Er misstraut vorgefertigten und hermetischen Systemen. Er vertraut zwar auf seine Systeme, hinterfragt sie jedoch zugleich. Er ist nie „am Ende“, sondern immer „im Anfang“. Seine Antworten sind zugleich immer der Beginn von Fragen. Sein Zögern ist sein Gewissen, seine Zweifel sind sein kritisches Denken und sein Protest sein aufrechter Gang. Wo andere aufhören, beginnt er, wo andere sicher sind, bewahrt er seine Unsicherheit, wo andere sich hinsetzen, steht er auf.
Immanuel Kant nannte diesen mündigen Menschen den aufgeklärten Menschen.
Lieber Galileo, die kritische Theorie von Marx, Marcuse et.al. steht auf den Schultern der Aufklärung. Sie ist kein Akzidens, über das wir uns „trefflich unterhalten könnten“, sie ist keine „intellektuell anspruchsvolle Nebensächlichkeit“, die mit unserer Hochtechnologiegesellschaft nichts zu tun hätte: Nein, sie trifft ins Mark unserer Probleme. Sie gibt uns Anregungen für unser kritisches Bewusstsein. Und natürlich impliziert sie die Forderung eines kritischen Bewusstseins für alle Bereiche des Lebens, also natürlich auch für einen wissenschaftlichen Betrieb. Die Wissenschaft ist keine abgeschottete Spielwiese, die nichts mit der Politik, nichts mit einer ökonomischen Basis und nichts mit gesellschaftlich gewachsenen Strukturen zu tun hätte. Wie viele Institutionen sind, wie viel Kapital und „Man – Power“ ist an der Produktion der größten Maschine der Welt und an der Durchführung der Experimente beteiligt? Und diese Verflechtungen sollen hier allen Ernstes naiv von einer kritischen Hinterfragung ausgespart werden mit dem Argument: „Die Politiker sollten sich von unserer demokratischen Arbeitsweise mal ein Scheibchen abschneiden“? Hinter der Inbetriebnahme des LHC stehen auch ökonomische Interessen.
Die Wissenschaft ist ein Teil unserer „systemschaffenden“ menschlichen Tätigkeit und erfordert umso gewichtiger die Energie eines Korrektivs kritischer Distanz. Wo sie diese Energie nicht selbst aufbringt, gerät auch der wissenschaftliche Betrieb in die Gefahr der Hermetik und damit in die Gefahr totalitärer Strukturen. Eben diese Tendenz zur Entstehung totalitärer Strukturen beleuchtete seinerzeit Marcuse für unsere Gesellschaft. Die Menschen sind Teile eines Systems. Ein System, das die Bedürfnisse aller Beteiligten auf relativ hohem Niveau befriedigt, ebnet die Widersprüche und damit auch das kritische Bewusstsein ein. Ein solches System gerät in die Gefahr, in die „schöne neue Welt“ zu driften, und zwar mit dem Anschein einer „sachlichen Notwendigkeit“.
Eine Technologiekritik und eine Wissenschaftskritik sind Teil der Aufklärung und Teil eines kritischen Bewusstseins. Dass es zugelassen wird, in der Diskussion um die Inbetriebnahme des LHC die ethischen von den wissenschaftlichen Argumenten zu trennen und die Kritiker zu diskreditieren, zeugt davon, wie weit sich totalitäre Tendenzen schon manifestieren.
2008-11-10 | achtphasen | 19:22:27 |
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