Sehr geehrter MAC, sehr geehrter Herr Kannenberg, sehr geehrter Galileo, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Ellis, sehr geehrte am LHC mittelbar oder unmittelbar beteiligte und das Experiment befürwortende Physikergemeinde
Galileo hat einige bemerkenswerte Sätze geschrieben:
Durch die Analyse dieser Sätze lässt sich zeigen, dass die Befürworter des Experimentes
Ich glaube zwar nicht, hier irgendjemanden zu erreichen, da sich in der bisherigen Diskussion eine beachtliche Resistenz auf Seiten der LHC - Befürworter gezeigt hat und wir nun seit einigen Monaten wortreich aneinander vorbeireden. Aber vielleicht gewährt dem einen oder anderen dieser Text ein gewisses intellektuelles Vergnügen.
Nicht die Kritiker des Experimentes haben sich von den Regeln der Wissenschaft verabschiedet, sondern die Befürworter.
Das fängt schon bei den Fragestellungen und implizierten Gedankengebäuden an: Die Theorie des sog. „Urknalls“ wird als solche überhaupt nicht mehr dargestellt, sondern als „ urhistorische Tatsache“ unterstellt und im Gefolge dann lapidar konstatiert: Wir wollen herausfinden, was so und so viel Mikrosekunden nach dem Urknall stattfand (und wenn es den gar nicht gab?). Nebenbei können wir, wenn wir das herausgefunden haben, abschließend eine „Theorie von Allem“ entwickeln, weil wir dann wissen, wie sich „Masse konstituiert“. Immer und immer wieder wird der literarische Mythos eines mit dem Teufel paktierenden Magiers denn auch als Pate und Schirmherr für das Experiment bemüht: „Daß ich erkenne, was die Welt / im Innersten zusammenhält.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust, C.H. Beck, München 1984, S. 22).
Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht.
Mit Verlaub: Dies ist Religionsersatz im Gewande der Wissenschaft.
Wenn also das Heer der Physikergemeinde recht genau weiß, dass es den Urknall gab, wie es von da an weiterging mit dem Universum, mit den Planeten und Sonnen, wie Materie aufgebaut ist und was Licht und Energie ist, so fehlen offenbar nur noch einige Winzigkeiten und dann ist die Wahrheit von Anfang und Ende des Universums komplett und ein für allemal ausformuliert. Wir dürfen hier nur ehrfürchtig erschauern und den mit Fahrrädern durch Tunnel streifenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern viel Erfolg wünschen, denn dem Auffinden dieser letzten Wahrheit wollen wir doch durch ein paar profane Bedenken, was den Erhalt unseres Planeten angeht, nicht im Wege stehen.
Jede sog. „Sachlage“ impliziert historische, ökonomische, politische, ethische, kulturelle, psychologische und weltanschauliche Dimensionen.
Sie von diesen zu trennen, hieße, sie nicht-dialektisch und nicht-prozesshaft zu betrachten.
Beruhigend ist, wie oft und mit welchem Nachdruck die Wissenschaftler im Zusammenhang mit der LHC Diskussion zwischen „falsch“ und „richtig“ unterscheiden können; wie sie überhaupt durch diese Unterscheidungen von „falsch“ und „richtig“ uns Vertrauen einflößen: . Rössler „hat Unrecht“, Plaga „argumentiert falsch“, Giddings und Mangano hingegen „sind im Recht“, und „das LHC-Experiment ist sicher“. Wie Neutronensterne entstehen und vergehen, was im Inneren der Sonne vor sich geht, wie viele schwarze Löcher durch welche Umstände in den Äonen der Vergangenheit entstanden und wieder verschwunden sind: dies alles ist für die Physikerinnen und Physiker sonnenklar. Und anhand dieser ihrer unendlichen Kenntnisse gelingt es ihnen auch so wunderbar, der Weltbevölkerung vollstes Vertrauen zu vermitteln.
„Das Boylesche Gesetz erwies sich also als richtig nur innerhalb bestimmter Grenzen. Ist es aber absolut, endgültig wahr innerhalb dieser Grenzen? Kein Physiker wird das behaupten. Er wird sagen, dass es Gültigkeit hat innerhalb gewisser Druck- und Temperaturgrenzen und für gewisse Gase; und er wird innerhalb dieser noch enger gesteckten Grenzen die Möglichkeit nicht ausschließen einer noch engeren Begrenzung oder veränderter Fassung durch künftige Untersuchungen. So steht es also um die endgültigen Wahrheiten letzter Instanz, z.B. in der Physik. Wirklich wissenschaftliche Arbeiten vermeiden daher regelmäßig solche dogmatisch-moralische Ausdrücke wie Irrtum und Wahrheit (…) ( Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft „Anti-Dühring“, Dietz Verlag Berlin 1959, S. 110 f.)
(Eine entschiedene Ausnahme müssen wir – verehrter Herr Engels – jedoch für die aktuelle Diskussion vornehmen: Höhenstrahlung und Teilchenkollisionen im LHC sind vergleichbar (bzw. ganz und gar dasselbe), ebenso zählt doch das astronomische Argument und – wenn alles nichts hilft: die Kollisionen der Hochgeschwindigkeitszüge beweisen doch, dass nie und nimmer irgendetwas Unvorhergesehenes geschehen kann.)
Da sich das Gros der Physikerinnen und Physiker von den Beschwerlichkeiten jeglicher Zweifel verabschiedet hat, bleibt nur zu konstatieren, dass die Grundlagenforschung der Physik sich in Pseudoreligion verwandelt hat. Ich schlage liturgische Weihen und Priester vor, die den weiteren Verkündigungen der Hohenpriester der Physik ein angemessenes Ambiente verleihen.
Dies auch deshalb, weil sie sich über ethische Bedenken keine Gedanken zu machen brauchen, denn diese sind in jedem Falle „zweitrangig“. Zunächst also sei die „Sachebene“ geklärt und dann die (sekundären) ethischen Fragen.
Welche Philosophie steckt dahinter? Eine deduktive, eine induktive? Ich vermute: überhaupt keine – und wenn dann eine grobschlächtig naive: Wir klären erst mal, ob es unter uns Fachleuten irgendwelche Bedenken gibt (keine). Danach könnten wir uns mit ethischen Bedenken auseinandersetzen, aber da der erste Schritt ja schon als unbedenklich durchgegangen ist, können wir uns das auch sparen. Feierabend. Wenn also irgendein Bewusstsein im Durchdenken der Fragestellungen unter der Gemeinde der Physiker dahinter steckt, so mit Sicherheit keines, das je etwas von Dialektik gehört hat.
In diesem übersichtlichen und einfachen Denken gibt es „Wissenschaftler“, die in einer Art Vakuum – also außerhalb ökonomischer, gesellschaftlicher, historisch -gewachsener, psychologischer, weltanschaulicher und aller anderen Bezüge – auf der Suche nach „Erkenntnissen“ sind. Diese tun sich friedlich zusammen, und wenn es dann ganz viele aus sehr vielen Staaten werden und ihre Bestrebungen von vielen Staaten der Welt – deren Verantwortliche alle solidarisch und völlig interesselos und uneigennützig diese Suche nach Erkenntnissen unterstützen – freigebig finanziert werden, dem ganzen Projekt juristische Immunität verleihen, dann heißt das fertige Konstrukt: CERN. Und alles was das CERN will, ist „Grundlagenforschung“. Die CERN - Mitarbeiter sind also so etwas wie eine Gemeinschaft vieler Lynkeuse: hoch oben auf dem Turm der Schlosswarte singen sie in die Nacht hinaus: „Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt, Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt.“ (Goethe, Faust, II. Teil, Fünfter Akt, a.a.O. S. 340) Auf jeden Fall haben sie mit der historischen, der politischen, der ökonomischen Welt nichts zu tun.
Dass ein dialektisches, prozesshaftes Denken alle Akteure immer in einen bedingten und bedingenden Rahmen stellt – diese Feinheiten können getrost beiseite geschoben werden. Auch gibt es nicht den Gran einer dialektischen Rückspiegelung der Apparatur, an der da jahrelang gebaut wird, auf die daran Beteiligten: Es ist ausgeschlossen, dass ein Denken, welches sich mit gigantomanischen Apparaten beschäftigt, selber gigantomanisch wird. Auch ausgeschlossen ist, dass das Bestreben, mit Hilfe einer gigantischen technischen Apparatur, die soviel Strom frisst wie ein paar Kraftwerke zusammen, auf der Weisheit letzten Schluss zu kommen, auch gesellschaftlich bedingt ist. Abwegig, dass dies der ins Werk gesetzte Spiegel eines apparate-gläubigen und dem Technologiefetischismus aufsitzenden bürgerlichen Bewussteins sein könnte. Auch ein purer Zufall, dass bei soviel „Deutschland-sucht-den-Superstar“- und “Germanys-Next-Top-Model“- Events nun auch die Grundlagenforschung größer, besser, höher, teurer und schneller werden muss und dem Experiment den Nimbus eines gigantischen „Events“ verleiht.
Zu weit gegriffen ist endlich, Remüsèe ziehend, dass der LHC nur eine „wissenschaftliche Folie“ unserer spätkapitalistischen Produktionsweise ist:
Expansion, Kapitalakkumulation, Innovationszwang, Profitmaximierung – so nennen sich die heißlaufenden Motoren unserer Gesellschaft auf der einen Seite und „wissenschaftlich“ lesen sie sich so:: Schneller, größer, heißer, kälter, mehr: Die nächsten Teilchenbeschleuniger sind schon in Planung und für diese können noch größere Magnete geliefert werden, mehr Computertechnologie, und vielleicht auch etwas noch Größeres als das „Intranet“, um die anfallende Datenflut zu bewältigen, und tausend andere technische Finessen, die das Rad des Ixion am Laufen halten werden.
„In diesem Universum liefert die Technologie auch die große Rationalisierung der Unfreiheit des Menschen und beweist die „technische“ Unmöglichkeit, autonom zu sein, sein Leben selbst zu bestimmen. Denn die Unfreiheit erscheint weder als irrational noch als politisch, sondern vielmehr als Unterwerfung unter den technischen Apparat, der die Bequemlichkeiten des Lebens erweitert und die Arbeitsproduktivität erhöht.“ (Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Sammlung Luchterhand, 1989, ISBN 3-472-61004-2, S. 173)
Oder dies:
„Die Quantifizierung der Natur, die zu ihrer Erklärung in mathematische Strukturen führte, löste die Wirklichkeit von allen immanenten Zwecken ab und trennte folglich das Wahre vom Guten, die Wissenschaft von der Ethik.“ (Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, a.a.O., S. 161)
Das Ergebnis des nicht-dialektischen, fein säuberlich einfachen Denkens zeitigt natürlich ein übersichtliches Resultat. Es gibt „falsch“ und „richtig“, „Fachleute“, die darüber befinden, „objektive Wissenschaft“ – und es gibt, Hut ab – „Galileo“, der über „falsch“ und „richtig“ und über die Überzeugungskraft jedes Argumentes entscheidet. Und der nicht nur über diese Erkenntniskraft verfügt, sondern auch über die politische Omnipotenz, den LHC in jedem Augenblick – wenn es dem Zar beliebt - abschalten zu lassen.
2008-11-04 | achtphasen | 12:48:22 |
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