Natürlich akzeptiere ich die Meinung des Beginns der LHC-Experimente über die Ungefährlichkeit. Aber es ist nach allen Diskussionen auch jetzt noch eine Meinung, eine Überzeugung ohne die Qualität einer unbestreitbaren Tatsache. Die in sich schlüssige mathematische Leistung von “Ich”, auch wenn er zum Schluss einen überflüssigen Umweg einschlägt, ist nicht in Frage zu stellen. Nur, sie ist kein Argument gegen die Ängste über die Unberechenbarkeit der Folgen der Experimente. Rössler hat einen Diskurs in Gang gesetzt und ein Nachdenken beflügelt, in dessen Mittelpunkt er längst nicht mehr steht (darauf hinzuweisen, dass er ein Emeritus ist, ist kein Sachargument). Neben anderem sei nur das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages, das zur Gefährlichkeitsproblematik Stellung nimmt, erwähnt. Es kommt folgerichtig zur Formulierung von “Wahrscheinlichkeiten”.
Die wissenschaftliche Diskussion leidet u. a. darunter, dass Theorien, die nicht verifiziert sind und erst durch die Experimente verifiziert werden sollen und daraus abgeleitete Einschätzungen als Fakten ausgegeben werden. Das widerspricht wissenschaftlicher Redlichkeit. Die wissenschaftliche Diskussion, auch die der Gefährlichkeit ist nicht abgeschlossen.
Ich halte weder etwas von der Schürung von Ängsten noch von Mythologisierungen, nichts von esoterischen Einbindungen in dieser Diskussion, sondern bin der Aufklärung verpflichtet.
Doch wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Wie oft ist es wiederholt worden: Es wird nach dem “Gottespartikel” gesucht. Und das Wort “…dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält…” ist schon ein Signum der CERN-Wissenschaftler. Dazu kommen die wissenschaftlich-mythologischen Gespräche und Äußerungen der die Experimente befürwortenden Wissenschaftler unterschiedlicher Couleur im Fernsehen und in den Printmedien.
Das erste ist eine Gottes- oder Schöpfungsmythologie, das zweite ist die Faustmythologie (was das heißt, ist im Faust nachzulesen). Es sind dies Fundamentalmythologien von Gott und Mensch. Und wie kann man Ängste besser schüren als durch Verweigern, Bagatellisieren, Nicht-Ernst-Nehmen, Abqualifizieren und Arroganz (Ellis: Die beste Antwort auf die Kritiker sei, schnell zu beginnen. Da muss schon die Frage erlaubt sein, was es bedeutet, dass bei diesem angeblich in allen Bereichen absolut sicheren gefahrlosen Experiment am Anfang eine technische Panne steht). Hier werden wohl Ursache und Wirkung verwechselt.
Ich lasse einmal die erschreckende Überwachungsvorstellung, die Galileo entwirft, beiseite. Das ist für jemanden, der das Dritte Reich noch miterlebt hat, makaber, obwohl ich erkenne, dass dahinter begründete Sorgen stehen. Damit muss man anders umgehen. Die Freiheit der Meinungsäußerung gehört zu den nicht zur Disposition stehenden Errungenschaften unserer Geschichte. Ich gehe auch nicht ein auf den Vergleich mit den Atomkraftgegnern. Wir wissen, dass diese notwendige Auseinandersetzung weiter läuft und bis heute nicht entschieden ist.
Etwas anderes ist wichtig. Um es provokant zu sagen: Es gibt keine Freiheit der Grundlagenforschung. Jede Forschung ist an ethische Verantwortlichkeiten gebunden, um so mehr, wenn es Fundamentalforschungen sind. Auch hier gilt der kategorische Imperativ im weiten Sinne. Oder etwa nicht? Was das bedeutet, darüber wäre ein Gespräch zu führen.
Unsere Geschichte hat auch dahin geführt, dass wir zur gesellschaftlichen-politischen Gewaltenteilung gekommen sind. Eine Immunität von Wissenschaftlern widerspricht dem.
Ich will den CERN-Wissenschaftlern nicht politisch hilflos ausgesetzt sein; denn sie bestimmen mein Leben und das anderer mit. Das heißt, die Frage der politischen Verantwortung muss hier gestellt und beantwortet werden.