Die Kritiker haben Angst“ – reicht das?

Eine kleine Online-Polemik wider die Polemik

Die Protagonisten des CERN und ihre leider allzu reflexhafte Gemeinde versichern ihrer Umwelt anscheinend statthaft, dass die Kritikergemeinde (Oppositionelle also) von Irrtümern getrieben und als Skeptiker wider den „normalen Gang der Dinge“ deswegen lächerlich sei. Abstrus vor diesem Hintergrund zeichnen die arglosen Boten der experimentellen Physik in Gesprächen ein Bild von einer ängstlichen Schar am Rande des CERNIVERSUMS, die Angst um sich und ihre Lieben hätte. Freilich habe ich Angst um mich und meine Lieben – jeden Tag auf dieser Erde fürchte ich. Ich fürchte mich vor Krieg, Bürgerkrieg, atomarem Krieg, Kleinkrieg und jeder anderen Art von Krieg. Zum Beispiel. Und ich fürchte mich auch davor, in eine Situation zu geraten, die meiner Kontrolle entgleitet oder, schlimmer noch, die ihr niemals unterfiel. Damit einher geht die Vertrauensfrage, die – uns aus der Politik nur zu gut bekannt – eher selten in wissenschaftlichen Kreisen die Runde macht. Politik, so könnte eine Vermutung lauten, verstünde man, Wissenschaft hingegen, so die weitaus komplexere Annahme – schon nicht mehr breitflächig und umfassend. Sie ist, um es mit den Ansätzen der Systemtheorie (ansatzweise) zu erklären, derart komplex, dass man ihr vertraut, weil man keine Alternative hat. Und ein Hobbywissenschaftler zu sein, ist unschicklich und gilt in Expertenkreisen als anstößig. Über Politik sagt man: „Da kannst Du nichts ändern.“ Über Wissenschaft sagt man: „Das versteht keiner.“ Mit diesem kleinen aber feinen Unterschied ist es heute möglich, einer aufgeklärten und an sich auch kritischen Öffentlichkeit Vertrauen einzuflößen und von „Detailfragen“ abzusehen. Was dagegen eine demokratische Wissenschaft zu regeln verstünde, steht außer Frage, wird landläufig gefordert und in Papiere gegossen aber von einer Mehrheit der Wissenschaftler eher abwertend behandelt. Und damit geraten die Nichtwissenden auf die Seite der Experten – als „Mehrheit“ versteht sich, die vertraut. Jede Frage wird als Bremsklotz missdeutet und in exponierte Kreise verlagert. „Wissenschaft zum Kaufen.“ Groß, bunt, laut und Zukunft versprechend tritt sie in unsere neuen Tage ein und beginnt sich als tägliches give-away dort festzusetzen à la „Ich war ja gestern bei meinem CERN-Wissenschaftler und der hat gesagt …“ Der Autor dieses kleinen Textes hatte jüngst die Freude zu erleben, in einem Gesprächskreis das laute Lachen über die CERN-Kritiker zu vernehmen. Als ich zurückfragte, weshalb denn „alle“ Kritik am CERN „immer“ falsch sei und was denn nun das „grundsätzlich Kritische“ sei, entlarvte sich die Gemeinde und bot: Nichts. Nichts, außer ein paar illustre Geschichten über die Notwendigkeit des Fortschritts ganz allgemein und Otto E. Rössler, der, wie man sich eingestand, Einstein auch noch ähnlich sähe. Immerhin, man kennt ihn. Das war es also bereits. Ich war nicht erbost, nur verschaffte ich meinem Unmut Platz, doch Genaueres wissen zu wollen, da ich ansonsten zu einem reinen Smalltalk nicht bereit sei, wie ebenso die CERN-Wissenschaftler nicht, die nicht Mühe und deren Delegationsländer nicht Kosten gescheut hatten, das Experiment so groß und überhaupt werden zu lassen, zu einem Smalltalk bereit wären. Und dann kam der vermaledeite Spruch zur „Angst“. Sie sei der einzige Antrieb der „ Skeptiker“, sich so ins Zeug zu legen und dem CERN das Ende zu bereiten. Verblüffend hilflos.

Ich beantwortete die Anzeige folgendermaßen:

Nein, die haben keine Angst vor einem Urknall und auch nicht vor einem Schwarzen Loch und doch schon gar nicht vor einem Scheitern des Experiments in menschheitlicher Hinsicht. Vielmehr Angst müssten die doch, wenn überhaupt davor haben, dass ihr Ruf geschädigt wird und ihr soziales Leben einen dubiosen Verlauf nähme. Denn, wie soll man sich vor einem Experiment solchen Ausmaßes noch fürchten, wenn es schief geht?

Nein liebe Kritiker an den Kritikern, Angst kann es nicht sein.

Die derart Zurechtgewiesenen fanden Gefallen an der Argumentation und allein die Tatsache, dass die Sicherheitsargumentation des CERN sowie weitere wissenschaftliche Untersuchungen recht oft den Begriff „wahrscheinlich“enthalten, lässt sich ausgezeichnet als Argument für eine wahrscheinlich größere Unsicherheit verwenden, als die Risikoexperten sie vorgeben. Und tatsächlich: Wahrscheinlich ist es so.

Paul Caspar Boux im Juni 2010

download .pdf: boux, CERNIVERSUM

22.06.10 | achtphasen | 06:31:10 | Email | 1 comment




 

Kommentar von: Rudolf Uebbing [Besucher]
Durch Hundert-Prozent-Aussagen schadet sich die Wissenschaft

o d e r

die ungeklärten Fragen zu den Energiehaushalten einiger Himmelskörper



Der oben dargestellten Bestandsanalyse zum Bereich des LHC-Kritik-Geschehens stimme ich zu.

Was oben als "Detailfragen" angesprochen wird, lässt mich verweisen z.B. auf ungeklärte Energiequellen - im Falle von einigen bestimmten astronomischen Körpern, von Mondgröße bis hin zu den Gasriesen unter den Planeten.

Die Energieerzeugung im Innern dieser Himmelskörper kann in nicht allen Fällen als theoretisch abschließend sicher geklärt angesehen werden - so mag auch dort noch unbekannte "Neue Physik" hineinwirken. - Wie wirkt Neue Physik unter extrem hohen, dauerhaften Druckverhältnissen, wie sie derzeit in irdischen Laboratorien nicht, oder nur für extrem kleine Zeiten oder nur in sehr kleinen Volumina reproduziert werden können ?

Wie wirkt sich ein Experiment aus, dass bestimmte Anteile der natürlichen Kosmischen Strahlung auf der gesamten Erde mengenmäßig um das ca. 4000-Fache überschreitet oder, was die Querschnittskonzentration betrifft, um etwa 28 Zehnerpotenzen die entsprechende natürliche Situation überbietet - oder auch im Bereich der Schwerionenkollisionen (ALICE) - nach Aussagen von CERN-Forschern selbst - die Natur überbieten kann - Fragezeichen ?

Was genau geschieht mit der schon festgestellten, bereits künstlich erzeugten " u n k n o w n missing energy" ?
Woher rührt die Sicherheit, dass keine zusätzliche Energieerzeugung angeregt wird, wenn die energetischen Verhältnissen in einigen planetaren Körper offenbar doch noch rätselhaft sind ?


Mir ist leider keine Abhandlung "peer reviewed" bekannt, die mutig das Thema ungeklärter Fragen zu planetaren Energiehaushalten aufgreift, in eine Relation zu den Hochenergiekollisionen bringt und Sicherheitsbedenken begründet aus der Welt schafft - so bestehen Bedenken fort, dass möglicherweise unwiderrufliche Veränderungen mit den neuen Extremexperimenten kreiert werden.

Vielleicht nur scheinbar Unvorstellbares bleibt unvermindert, unbearbeitet im Bewusstsein unvorstellbar und leistet sterilem, totalitären ("hundert Prozent"-)Denken Vorschub - warum? Weil ein Tabudenken existiert. -

Wissenschaft ist in der Lage, sich selbst zu beschädigen und somit auch ihren hehren Anspruch zum Erkenntnisfortschritt - leider. Liegt ein grundsätzlicher Mangel an Systemkritik vor ?

VIRILIO, ein zeitgenössischer französischer Philosoph, spricht nicht umsonst - im Zusammenhang mit dem LHC - von einem möglichen "Unfall des Wissens".
PermalinkPermalink 22.06.10 | 18:36
*
* your email address will not be displayed
  your URL will be displayed