Atomkraft bezieht sich weitgehend auf den tradierten Begriff der
Atomforschung aus dem vergangenen Jahrhundert zur Erforschung der Risiken
und Chancen der Atomkraft auf dem damaligen wissenschaftlichen Niveau.
Die Zeiten ändern sich: Heute forschen Wissenschaftler weltweit wie
selbstverständlich in der Nuklearkraft. Zeitgemäß müßte sich daher auch der
Geist der demokratischen und nicht-gouvernementalen Kontrollinstrumente
ändern, also schleunigst anpassen.
Stattdessen bezeichnen die Menschen, wie vor 100 Jahren auch, diese
Forschung völlig unkritisch als fortschrittlich, zukunftsnah und neben
gewinnbringend als “rettende” Form von Wissenschaft. Die
Anti-Atomkraft-Bewegung schaltet nicht um. Sie erweitert auch nicht etwa ihr
Portfolio auf den Zweig einer weitaus gefährlicheren aber schwerer
verständlichen Wissenschaftsverästelung, die sich noch sauberer zu verhalten
scheint, als seinerzeit die Atomforschung (Atomphysik).
Sich heute als Gegner der Nuklear- oder sonst einer gefährlichen Forschung
bezeichnen, wirkt grotesk vor dem Hintergrund ihres wissenschaftlichen und
planetarischen Selbstverständnisses - der Rettung des Planeten vor der
Klimakatastrophe und dem Energiekollaps. Während dessen AKW-Gegner aktiv und
fast selbstverständlich jährlich die Atommülltransporte blockieren, können
Forscher an Nuklearforschungseinrichtungen neben ihrer wichtigen
forschungswissenschaftlichen Arbeit im Dienste der Menschheit militärischen
Zwecken, wie damals im “Manhatten-Projekt” den Boden bereiten. Kein Mensch
interessiert sich dafür.
Ja, sind wir alle so blöd, daß wir nicht begreifen könnten, daß sowohl
Fusion als auch Spaltung kleinster Teilchen eine ähnlich gefährliche Wirkung
besitzen und in der Fusion weitaus größere energetische Outputs auf
kosmischem Niveau entstehen? Offenbar glauben das die neuen
“technologischen” Eliten und erklären uns ohne Skrupel, daß das, was
kosmisch sei, auch planetarisch verträglich sein müßte.
In vielen Fällen aber sind die kosmischen Auswirkungen, wiewohl für uns
nicht, immens und für dortiges Leben tragisch. Als seien wir kollektiv
mutig, wenn wir etwas so Fortschrittliches täten, daß nicht einmal ein ein
Gott oder der Schöpfer,
ja das Universum selbst wüßte, was dabei
herauskommt! Wir kleinen mickrigen Menschen, denen dieser Planet für einige
Zeit überlassen wurde, maßen uns an, ihn, seine Umgebung und sogar ferne
Welten - sofern es sie gibt - mit Zufallsexperimenten zu verändern. Auch
nachfolgende Generationen beziehen wir fleißigen Bienchen in diese
Generalverschmutzung mit ein.
Immerfort glauben wir, wir seien die Krone irgendeiner Schöpfung und es
fällt niemandem auf, daß die Wissenschaftler selbst sich die Krone und
andere die Demut der Natur nennen. Wenn wir diese Krone sind, dann müssen
wir erkennen, daß sie auf einem Haupt sitzt, welches eigenständige Prozesse
besitzt und initialisiert und nicht wir diejenigen sind, die die Macht über
alles besitzen.
Nach Hiroshima, nach Nagasaki - 1955 haben Einstein selbst und Betrand
Russell dieses Risiko erkannt und aus damaliger politischer Sicht in
diplomatische Worte gefaßt, deren ganze Wirkung sich erst erschließt, wenn
man die Fortsetzung der Atomwaffentests und -Forschung bis heute
berücksichtigt:
http://www.pugwash.org/about/manifesto.htm
Wo sind die Wissenschaftler heute, die dereinst eine Pugwash-Bewegung
beförderten?
In Kommissionen, in Instituten, Nuklearcentern, in der Waffentechnik u.a.?
Nur wenige noch trauen sich angesichts des Runs auf jeden nationalen und
internationalen Preis, mit Belegen wider die öffentliche Wissenschaft zu
sprechen. Wenn man sie einlädt, dann nur, um sie zu desavouieren,
kleinzureden und sie und ihre wissenschaftliche kritische Arbeit unmöglich
zu machen.
Stellt Euch folgende Fragen:
Wer oder was ist die Menschheit?
Wer sind wir?
Warum verschließen wir die Augen?
Weil das Öl knapp wird, welches Jahr für Jahr in Panzer und Flugzeuge
gegossen wird, um immer neues Öl zu erobern? Weil der Strom versiegt, den
unsere Vorfahren nie hatten?
Wo bleibt die Solarstromförderung auf höchstem finanziellen Niveau, um die
Menschheit endlich vom Joch der Energieriesen zu befreien? Warum, wenn die
Sonne so lange und gewaltig ergiebig ist, bekommen wir flächenmäßig kleine
Solarenergieparks, deren Wirkungsweise längst erforscht ist und nicht einmal
schädlich?
Warum kämpfen die Banken, die Regierungen und die Energieriesen gegen den
endgültigen Ausbruch einer technologisch unerschöpflichen Weltenergiewelle?
Noch immer fahren wir Benzinautos.
Noch immer sollen wir im Abstand weniger Hundert Kilometer Kern- und
Atomkraftwerke sowie deren Müllablagerungsrisiken ertragen.
Noch immer imitieren wir Explosionen, obwohl eine der größten in unserer
Nähe uns jede Energie zu spenden vermag.
Schluß damit! Sonnenlicht her!
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Boux im April 2010
Für F.W.G.