Gustav Landauer, “Durch Absonderung zur Gemeinschaft"(1900)


Mit Recht hat ein alter Meister, der große Ketzer und Mystiker Eckhart, gesagt, daß wir, wenn wir vermöchten, ein kleines Blümchen ganz und gar, so wie es in seinem Wesen ist, zu erkennen, damit die ganze Welt erkannt hätten. Er selbst hat aber darauf hingedeutet, daß wir niemals zu solcher absoluten Erkenntnis von außen her, mit Hülfe unserer Sinne, die wir außen an unserem Leibe hängen haben, gelangen können. “Gott ist allezeit bereit, aber wir sind sehr unbereit; Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne; Gott ist drinnen, aber wir sind draußen; Gott ist zu Hause, wir sind in der Fremde.” Und er zeigt uns auch den Weg, man muß nur seine Gottesbildersprache verstehen. Er erzählt von der Schwester Kathrei, der ekstatischen Nonne, wie sie jubelnd ihrem Meister entgegenspringt: “Herr, freuet Euch mit mir, ich bin Gott geworden!” Sie hatte alles dessen vergessen, was je Namen trug, und war ganz fern aus sich selbst und allen unterschiedenen Dingen herausgezogen worden. Und als sie wieder zu sich kam, da stammelte sie erst: “Was ich gefunden habe, das kann niemand in Worte fassen.” Als ihr aber endlich doch die Sprache ward, da kündete sie: “Ich bin da, wo ich war, ehe ich ein Individuum wurde, da ist bloß Gott und Gott. … Ihr müßt wissen, alles was man so in Worte faßt und den Leuten mit Bildern vorlegt, das ist nichts als ein Mittel zu Gott zu locken. Wisset, daß in Gott nichts ist als Gott; wisset, daß keine Seele in Gott hineinkommen kann, bevor sie nicht so Gott wird, wie sie Gott war, bevor sie ein Individuum wurde. … Ihr sollt wissen, wer sich damit genügen läßt, mit dem, was man in Worte fassen kann: Gott ist ein Wort, Himmelreich ist ein Wort; wer nicht weiter kommen will mit den Kräften der Seele, mit Erkenntnis und mit Liebe, der soll mit Fug ein Ungläubiger heißen. … Es ist die Seele nackt und aller namentragenden Dinge entblößt. … Wisset, solange der gute Mensch auf Erden lebt, so lange hat seine Seele Fortgang in der Ewigkeit. Darum haben gute Menschen das Leben lieb.”
Der Weg, den wir gehen müssen, um zur Gemeinschaft mit der Welt zu kommen, führt nicht nach außen, sondern nach innen. Es muß uns endlich wieder einfallen, daß wir ja nicht bloß Stücke der Welt wahrnehmen, sondern daß wir selbst ein Stück Welt sind. Wer die Blume ganz erfassen könnte, hätte die Welt erfaßt. Nun denn: kehren wir ganz in uns selbst zurück, dann haben wir das Weltall leibhaftig gefunden.

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Ich fürchte sehr, daß wir, wenn wir den Versuch machen, die absolute Zeitlosigkeit herzustellen, den Verlauf der Zeit aufzuheben, und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als eine Art stehenbleibende Gleichzeitigkeit zu gewahren ­- die Sprache verläßt uns hier -­ daß wir dann einfach das Bild des unendlichen Raums vor uns produzieren. Wir können die Zeit räumlich oder den Raum zeitlich ausdrücken, die Zeit vom Raum oder den Raum von der Zeit verschlingen lassen; aber beide zu überwinden, gelingt wohl auch der stärksten Konzentration und Versenkung nicht. Alles Räumliche zeitlich auszudrücken, ist vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben kommender Menschen.

Gustav Landauer, aus dem Essay “Durch Absonderung zur Gemeinschaft” (1900)

Interessant sind auch die Begriffe Zeit und Ewigkeit bei Gustav Landauer in der Schrift “Skepsis und Mystik". Eckhart bzw. der Neuplatonismus der christlichen und heidnischen Tradition (Plotin, Augustinus, Dionysius Areopagita, Scotus Eriugena, Bonaventura etc.) definiert die Ewigkeit nicht als ewig ausgedehnte Zeitspanne, sondern die Ewigkeit ist vielmehr in jedem Augenblick der Zeit gegenwärtig, sie umfasst die Zeit als Gesamtheit und transzendiert sie damit gleichzeitig. Ein “abgeschiedener” Mensch, der sich von der Zeit freimachen kann, erfährt die Ewigkeit durch eine “mystische Schau” (Plotin). Für Landauer ist die Ewigkeit gleichzeitig ein ewiger zeitlicher Verlauf, aber auch die Quelle des zeitlichen Entwicklungsstromes. Die Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft sei eine “Raumverfälschung", weil erst durch die Übertragung der Raumvorstellungen suggeriert würde, wir befänden uns an einem Punkt, von wo man rückwärts und vorwärts sieht. Die beiden Aussagen, dass die Ewigkeit einerseits ein ewiger zeitlicher Verlauf sei und andererseits die Quelle für die Zeit, scheinen sich zu widersprechen. Doch es ist folgendes zu beachten: Zwar bleibt für Landauer die Ewigkeit an den Ablauf der Zeit gebunden, die ewige Erneuerung wird aber zur Konstante, wodurch dann in der “ewigen Gegenwart” durchaus “zeitliche Qualitätsunterschiede” erscheinen. Ebenso sprechen auch die Neuplatoniker (Meister Eckhart) von einem zeitlichen Verlauf, der von der Ewigkeit, die zugleich der Quellort der Zeit ist, umfasst wird. Die Ewigkeit kann daher durch die “mystische Schau” (Plotin) in der Zeit erfahren werden. Der Schlüssel dazu ist sowohl für Meister Eckhart als auch für Gustav Landauer die sogenannte “Abgeschiedenheit".

http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Landauer

2008-10-27 | achtphasen | 09:39:07 | Email | comment




 

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