| “Entsetzlich ist nicht der vereinzelte, zusammenhanglose, persönliche und törichte Wahnsinn, sondern der allgemein organisierte, gesellschaftliche und gescheite Wahnsinn unserer Welt.” “Das Wichtigste beim Wissen ist, sich nicht einzubilden, daß man wisse, was man nicht weiß, sondern zu wissen, daß man nicht weiß, was man nicht weiß.” “Die heutigen Menschen brüsten sich mit der Entdeckung des nichtsnutzigen Radiums, dessen Licht (wie sie dies sorgsam ausgerechnet haben) sich erst nach drei Millionen Jahren erschöpfen wird, genauso, wie die Könige und ihre Untertanen sich mit der königlichen Herrlichkeit brüsten.” “Wenn nur die Menschen aufhören wollten, sich zu Grunde zu richten und zu erwarten, daß irgend jemand kommen und ihnen helfen werde: sei es Christus in den Wolken mit Posaunenstimme oder ein historisches Gesetz oder ein Differential- oder Integralgesetz der Kräfte. Niemand wird uns helfen, wenn wir uns nicht selber helfen. Nicht einmal uns zu helfen aber haben wir nötig. Wir müssen nur nichts erwarten, weder vom Himmel, noch von der Erde; wir müssen nur aufhören, uns selbst zu Grunde zu richten.” “Christus sagt, die Menschen wären glücklicher, wenn sie ohne Widerstand und ohne Eigentum lebten, und bestätigt dies durch das Beispiel seines Lebens. Er sagt, ein Mensch, der nach seiner Lehre lebt, müsse jeden Augenblick bereit sein, durch die Gewalt eines anderen, durch Kälte und Hunger zu sterben, und könne nicht auf eine einzige Stunde seines Lebens rechnen…Wir sind derart an unsere Täuschung gewöhnt, daß alles, was wir zur vermeintlichen Sicherung unseres Lebens tun: unsere Kriegsheere, Festungen, Vorräte, Kleidungen, Kuren, unser ganzer Besitz, unser Geld - alles uns als etwas Wirkliches, das unser Leben ernstlich sichert, erscheint…Die Täuschung besteht in der irrtümlichen Überzeugung, daß unser Leben durch unseren Kampf mit anderen Menschen gesichert werden kann. Wir sind derartig an diese Täuschung einer scheinbaren Sicherung unseres Lebens und Eigentums gewöhnt, daß wir gar nicht bemerken, daß wir alles dadurch verlieren. Und wir verlieren alles - das ganze Leben. Das ganze Leben wird von der Sorge um diese Sicherung des Lebens und den Vorbereitungen dazu verschlungen, so daß nichts von ihm übrigbleibt.” “Die äußeren Formen des gesellschaftlichen Lebens ohne innere Vervollkommnung gestalten wollen heißt aus unbehauenen Steinen ohne Kalk, aber auf neue Manier ein zum Einsturz verurteiltes Gebäude errichten. Wie immer man auch bauen mag, das Gebäude wird schutzlos der Witterung preisgegeben sein und einstürzen.” “Es gibt keine Zeit, sondern nur den Augenblick. In ihm, in diesem Augenblick, ist unser ganzes Leben. Deswegen muß man nur auf diesen Augenblick all seine Kraft verwenden.” |
Tolstoi lehnte sozialistische Bestrebungen im Sinn einer Diktatur des Proletariats ab: „Bislang haben die Kapitalisten geherrscht, dann würden Arbeiterfunktionäre herrschen.“ Mit seinem moralischen Rigorismus sah er sich in einem Gewissenszwiespalt, vor dem er sich selbst und der reichen Oberschicht, der er entstammte, eine egozentrische und sinnentleerte Lebensweise vorwarf. Seine Haltung führte ihn zur Frage nach beständigen moralischen Werten, die er für sich mit dem Anspruch auf bedingungslose Nächstenliebe und radikale Gewaltlosigkeit beantwortete. Vor diesem Hintergrund galt Tolstoi in seinen späten Jahren als Vertreter eines religiös inspirierten Anarchismus. Dabei galt Tolstois Werk als mit wegbereitend für die Revolution von 1905. Sein Freund Wladimir Stassow schrieb ihm am 18. September 1906: „Ist die ganze gegenwärtige russische Revolution nicht etwa aus Ihrem feuerspeienden Vesuv hervorgeschossen?“
2008-10-24 | achtphasen | 11:11:12 |
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