Zur schleichenden Risikodebatte über die mögliche Entstehung Schwarzer Löcher am neuen CERN-Teilchenbeschleuniger LHC in Genf
Befürchtungen zerfallen nicht, wonach am CERN erzeugte Mini-Schwarze-Löcher doch stabil bleiben und in einem nicht näher vorhersehbaren Zeitraum die Erde von innen her auffressen könnten. Science-Fiction? Ja: Teilchenphysik. Eine durchaus nicht beruhigende Zwischenbilanz.
Der weltgrößte und potenteste Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf hat eben seinen Probebetrieb aufgenommen. Bei dem neuen Large Hadron Collider (LHC) handelt es sich um die größte Maschine der Welt mit einem Umfang von 27 km. Die Röhre, in welcher sich auf annähernde Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Teilchen in Kollisionen gegenseitig zermürben sollen, ist bereits auf –271° Celsius abgekühlt worden, das ist ein Grad kälter als die Durchschnittstemperatur im Universum. Zum Betrieb wird die Energie eines halben Kernkraftwerks benötigt.
Schon seit Jahren gibt es eine mehr oder weniger unterschwellige Debatte darüber, ob einige der zu produzierenden „seltenen Ereignisse“ - etwa Mikro-Schwarze-Löcher - ein apokalyptisches Potential in sich bergen.
Einem astronomisch interessierten Nicht-Physiker mag immerhin auffallen, dass moderne physikalische Theoriebildungen teilweise nur sehr schwache empirische Evidenzen aufweisen. Relativitätstheorie, Quantenmechanik oder Stringtheorie bieten Modelle an, die mathematisch in bestimmten Bereichen gut zu funktionieren scheinen. Von einer Vereinbarkeit („Theorie of Everything“) ist man noch weit entfernt. Physikalische Theorien sind wesentlich Metaphern, anhand derer sich genauere Voraussagen und Berechnungen anstellen lassen als mit dem Vorläufermodell. Sie sind deshalb noch lange nicht im starken Sinne „wirklich“. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte genügt, um sich von der Falsifikations- und Verifikationsdynamik auf dem hochspekulativen Gebiet der Physik noch zahlreiche Brüche und Revisionen zu erwarten. Tatsächlich kann man sich bis heute den Teilchen-Welle-Dualismus eines Photons kaum erklären und behandelt es je nachdem, was man berechnen will. Zu der Idee der Antimaterie etwa, die ins Spiel kam, weil das Universum schwerer sein sollte als das, was wir beobachten oder zum Anschein, dass das Universum sich rasch ausdehne, gibt es plausible Alternativtheorien.
Im vorliegenden Problemzusammenhang nun sind es gerade die unanschaulichsten und unbeweisbarsten Hypothesenkomplexe, welche für die Ungefährlichkeit des Experiments bürgen sollen. Die Erwartungshaltung des Großteils der Teilchenforscher ist dahingehend, dass am absehbaren Ende der hehren Suche nach dem kleinsten Teilchen nur noch Schwarze Löcher entstehen sollen: Wahrscheinlich ungefährlich, weil Schwarze Löcher nach einer paradoxen, aber gängigen Theorie von Stephen Hawking doch Energie abgeben und im geplanten Idealfall sogleich wieder zerstrahlen sollen.
Wie hier kurz veranschaulicht werden soll, verhält es sich mit dem bevorstehenden Experiment tatsächlich so: Jene Theorien und Hypothesen, mit denen die Ungefährlichkeit der Schwarzen Löcher im LHC behauptet werden kann, sollen zu großen Teilen durch das selbe Experiment erst bewiesen werden.
Der Tübinger Chaosforscher Prof. Otto Rössler verweist etwa in einem Interview zu seinem Vortrag im Rahmen der Transmediale Anfang des Jahres darauf, dass man sich von dem Experiment so wundervolle Dinge erwarte, „wo noch kein Mensch weiß, was überhaupt dabei herauskommt. Aber eines weiß man dagegen ganz sicher, dass es ungefährlich ist! (Lacht) Das ist absurd. Man kann nicht sagen: Ich weiß nicht, was herauskommt, aber ich weiß, dass es ungefährlich ist. […] Diese absolut idiotische Naivität von Physikern.“
Es könnte im Gesamtzusammenhang angebracht sein, das Physiker-Bewusstsein und seine manische „Nerd“-haftigkeit, welche in diesem Funktionssystem so liebevoll kultiviert wird, und die sich dieser Tage schon ganz nah am „God-Particle“ (Higgs-Boson) wähnt, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Rössler fasst seine Ergebnisse alltagssprachlich zusammen: „Die Gefahr ist, dass sich ein kleines schwarzes Loch bildet und dann eben nicht zerstrahlt. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar recht hoch, dass es wegfliegt, aber es gibt eine ganz kleine Wahrscheinlichkeit, dass es nicht wegfliegt. Man will davon eine Million pro Jahr produzieren. Das sind genug, um zu sagen, dass davon eins ganz sicher nicht zerstrahlen wird. Dieses würde dann in der Erde herumkreisen und von Zeit zu Zeit mit einem Elementarteilchen, einem Atomkern oder einem Quark zusammenstoßen und es auffressen. Die Frage die bleibt ist, wie lange es dann dauert, bis dieses kleine schwarze Loch genügend stark gewachsen ist, um schließlich die ganze Welt aufzufressen. Das klingt absurd, ist aber letzten Endes sehr wahrscheinlich.“ Für den unvorhergesehenen Fall eines stabilen Schwarzen Lochs sagen verschiedene Befürworter des Experiments eine Wachstumsphase von 50 Millionen bis zu „unbedenklichen“ mehreren Milliarden Jahren für die völlige Aufzehrung Erde voraus. „Doch sie vergessen dabei, dass es Chaos und Nichtlinearität gibt. Damit wächst es viel schneller. Ich bin so auf einen Faktor von 50 Monaten gekommen!“ Der Interviewer des Internetmagazins Golem.de: „Das Gegenmittel wäre ein anderes schwarzes Loch?“ Rössler: „Nein, es gibt kein Gegenmittel. Die Sache ist hoffnungslos, nach 50 Monaten wäre die Erde auf einen Zentimeter geschrumpft. Es wäre nichts mehr da, nicht nur kein Leben mehr, sondern auch die Erde selbst wäre weg, nur noch ihr Gewicht wäre da – als kleines schwarzes Loch.“
An dieser Stelle gelte es nun nachzuforschen, ob nur ein Fünkchen dieser Perspektive etwas für sich haben könnte. Vielleicht übertreiben Rössler und seine amerikanischen Mitstreiter, die ihrerseits gegen CERN eine Klage eingereicht haben. Möglicherweise schießen sie auch ganz bewusst über das Ziel hinaus, aber wo genau beginnt in diesem Fall eine Übertreibung?
Die Befürworter des Experiments argumentieren einerseits, dass in der Erdatmosphäre immer wieder natürliche Teilchenkollisionen vorkämen, die vergleichbare Mikro-Schwarze-Löcher hervorbringen müssten. Die Erde ist aber immer noch da. Das Gegenargument besagt, dass diese hochbeschleunigten, extrem kleinen und komprimierten Objekte die Erde wie eine Gaswolke durchqueren würden, um dabei nur einige Teilchen aufzunehmen und sogleich wieder in das Weltall zu entschwinden. Nach Rössler bestünde die Gefahr bei den Kollisionen im LHC genau darin, dass sich der Impuls der Teilchen gegenseitig neutralisieren könnte und man hätte ein unbeschleunigtes Schwarzes Loch erzeugt, welches auf der Erde verbliebe. Dieses wäre unzerstörbar und würde nun in einer schwer vorhersehbaren Geschwindigkeit zunehmend Materie komprimieren.
Das Hauptargument für die jähe Zerstrahlung des Schwarzen Lochs ist die „Hawking-Strahlung“: Dieser von Stephen Hawking in den 70er Jahren aufgestellten Theorie zufolge könnte ein Schwarzes Loch zur Überraschung doch Energie abgeben, wenn man einer quantenfeldtheoretischen Spekulation folgt, wonach es sein könnte, dass von einem (hypothetischen) Teilchen-Antiteilchenpaar nur eines in das Schwarze Loch gezogen wird und das andere entkommt. Das verdutzte, mit dem Schwarzen Loch alleingelassene Teilchen könnte selbiges dann ein wenig schrumpfen lassen, indem es eine „potentielle Energie“ freisetze, die für eine Paarbildung sowie das Hinauskatapultieren des anderen Teilchens aus dem Gravitationsfeld ausreiche. Als Folge des Verlusts von „potentieller Energie“ durch das hineinstürzende Teilchen nähme dabei die Masse des Schwarzen Lochs wider Erwarten nicht zu, sondern sogar ab. Der spekulative Effekt käme bei Mikro-Schwarzen-Löchern stärker zu tragen (während große, stellare Schwarze Löcher aufgrund ihrer Masse kälter sein sollen als die kosmische Hintergrundstrahlung und - zunächst jedenfalls - Materie und Energie nur aufnehmen - und zwar auf unvorstellbar radikale Weise).
Aber suchen wir zunächst einmal nach einer Erklärung für die zugrundeliegende quantenmechanische Hypothese: „In der Quantenfeldtheorie erscheint das Vakuum nicht als “leeres Nichts", sondern als dynamisches Medium, in dem ständig Teilchen-Antiteilchen-Paare entstehen und wieder verschwinden. Diese Teilchen “borgen” sich gemäß der Heisenberg’schen Unschärferelation die Energie zu ihrer Entstehung aus dem Vakuum und vernichten sich gegenseitig in Sekundenbruchteilen wieder, womit sie dem Vakuum die “geborgte” Energie wieder zurückgeben. Weil diese Teilchen nicht permanent existieren, nennt man sie virtuelle Teilchen, Vakuumfluktuation oder Quantenfluktuation.“ (Welt der Physik)
Diese Vorstellung war u.a. brauchbar, da man ansonsten nicht wusste, wie man sich die Existenz des Raumes erklären soll. Bislang hat aber noch niemand „Antiteilchen“ oder „Antimaterie“ gesehen. Und diese schwindelerregende Hypothese über virtuelle Teilchen nun soll den Garant dafür abgeben, dass am CERN alles völlig sicher sei.
Es war übrigens erst im Jahre 2004, als der sympathische Physik-Guru einen wesentlichen Fehler in seiner Theorie über Schwarze Löcher eingestanden hatte. Aus einem Kongressbericht:
The great physicist of our time Stephen Hawking recently said that what he thought about the behaviour of black holes 30 years back is based on a key wrong argument. He said, “I have been thinking about this problem for 30 years, but I now have the answer.” Hawking änderte seine Meinung zum ‘black hole information paradoxon’: “The black hole only appears to form but later opens up and releases information about what fell in, so we can be sure of the past and we can predict the future.” (Ursprünglich war eine diesbezügliche Schlussfolgerung gewesen, dass wir die Zukunft prinzipiell nicht voraussagen könnten.) Diese hoffnungsfrohen Worte und fast schon techno-religiösen Anklänge wären im gegebenen Zusammenhang weniger vorrangig, aber vielleicht erkennt Hawking schon morgen ein weiteres „key wrong argument“ in seinen Konstruktionen.
In demselben Bericht heißt es über Hawkings Co-Autor: “Gary Gibbons, a physicist of the University of Cambridge, who attended the seminar, said that Hawking’s newely defined black holes did not have a well defined “event horizon” that hid everything in them from the outside world.” Möglicherweise sollte diese Korrektur die Hypothese von der Ungefährlichkeit der künstlich erzeugten Schwarzen Löcher sogar unterstützen.
Auf der Website eines zentralen physikalischen Mediums, der (Welt der Physik), heißt es übrigens in einem von zwei kurzen Absätzen zur selben Ungefährlichkeit: „Die Hawking-Strahlung ergibt sich theoretisch aus sehr grundlegenden physikalischen Annahmen, zu denen unter anderem die Existenz eines Ereignishorizonts gehört, durch den ein schwarzes Loch definiert ist. Der Ereignishorizont bezeichnet jene Grenze, innerhalb derer das Licht dem Gravitationsfeld eines schwarzen Lochs nicht mehr entweichen kann. Ohne Hawking-Strahlung würde es also keine schwarzen Löcher in der allgemein anerkannten klassischen Form geben. Existiert die Hawking-Strahlung aber, so müssen an Beschleunigern erzeugte mikroskopisch kleine schwarze Löcher, wie oben dargelegt, eben auch direkt wieder zerfallen.“ Dass Hawking einen klar definierten Ereignishorizont bereits 2004 verworfen hatte (obzwar er die Mikro-Schwarzen-Löcher immer noch für ungefährlich hält), scheint hier noch nicht angekommen zu sein. Dies nur als weiteres Indiz dafür, mit welcher Trübseefischerei am Schildburger Ozean wir es hier zu tun haben.
Dem einfachen Sterngucker erschiene überhaupt vielmehr logisch: Entweder hat das Schwarze Loch einen klar definierten Ereignishorizont, hinter dem es kein Entrinnen mehr gibt. Dann könnte es aber keine Energie abstrahlen. (Die messbare starke Röntgenstrahlung stellarer Schwarzer Löcher stammt auch von hochbeschleunigten, erst hineinstürzenden Teilchen.) Oder es gibt keinen klar definierten Ereignishorizont. Dann aber kann die quantenmechanische Spekulation nicht einmal theoretisch funktionieren. Man korrigiere meine unfachmännische Hoffnung: Wenn ein Micro-Schwarzes-Loch am CERN tatsächlich sofort zerstrahlen sollte, dann vielleicht eher aus anderen Gründen als jenen, die uns gerade angeboten werden.
Aber begeben wir uns hier nicht zu tief in wirbelnde Spekulationsblasen und schwer kalkulierbare Wellengänge. Indem die Theorie der Hawking-Strahlung Effekte der Quantenmechanik mit jenen der Relativitätstheorie und der Thermodynamik kombiniert, gilt sie allgemein als problematisch, weil eine Vereinheitlichung dieser Theorien noch nicht gelungen ist. Was aber für jeden Newtonianer nachvollziehbar ist: Ein unbeschleunigtes, stabiles Mikro-Schwarzes-Loch würde sich wie eine unsichtbare Säure zum Erdmittelpunkt hindurchfressen und dort immer schneller Materie akkumulieren, da jeder Massezuwachs seine Gravitationskraft erhöht. Es wäre dort für uns natürlich auch nicht mehr greifbar, selbst wenn wir über das einzige hypothetische Gegenmittel, Antimaterie, verfügen würden, deren „Fußabdrücke“ wir aber gerade erst suchen. Wir würden ein stabiles Schwarzes Loch wahrscheinlich nicht einmal finden. Gerade wenn es nicht zerfällt und nichts abstrahlt, wie in der Zeit vor Hawkings Theorie lange angenommen, könnte es unbemerkt entstehen oder bereits entstanden sein. Genau darauf weißt Rössler in einer neueren Aussendung auch hin (google: Warnung LHC Experiment Rössler): Wenn am LHC „nichts passiert“ sein wird, gerade dann könnte es schon zu spät sein. (Der Forscher fordert daher eindringlich eine sofortige Expertenkonferenz, die ihn widerlegen möge.)
Und wenn der Worst-Case nicht eintritt (plötzliche totale Vernichtung), kann schon mit den nächsten Generationen der blaue Planet sein Ende finden. Diese Perspektive ist in der gegenwärtigen Debatte tatsächlich eröffnet. Dies ist genauso hypothetisch, wie es jene Theorien sind, welche diesen Prozess für höchst unwahrscheinlich erklären.
Um so mehr Dimensionen es gibt (und Stringtheoretiker bspw. erwarten sich durch das Experiment die indirekte Bestätigung weiterer Raumdimensionen im Mikrobereich und damit eine elegante Erklärung einiger grundlegender Unstimmigkeiten bzgl. der Gravitation), um so weniger Energie ist nötig, um Schwarze Löcher zu erzeugen. Dies gilt natürlich auch für den Fall, dass zusätzliche, „aufgerollte“ Raumdimensionen sich als „falsche Metapher“ im obigen Sinne herausstellen sollten, die Gravitationskraft im Mikrobereich sich aber so ähnlich verhält, wie sie das mithilfe mehrerer Dimensionen tun würde. Dass die Gravitation als große Unbekannte ausgerechnet mit Schwarzen Löchern, den Satansvätern der Gravitation, erforscht werden soll, ist eine weitere Eigentümlichkeit der Geschichte.
Für die Projektleiter am CERN ist also folgender Nervenkitzel besonders interessant: Wenn ein Schwarzes Loch tatsächlich entsteht und zerfällt, wäre das sehr schön, denn es könnte einige Theorien eher ausschließen und das derzeit wohl gängigste Modell in seiner Pole-Position bestätigen. (Was nicht heißt, dass es später vielleicht noch aus dem Rennen scheidet.) Wenn allerdings ein hypothetischer Baustein des Theoriegebäudes unzutreffend ist, kommt es nicht zu diesem erwarteten, idealen Szenario. (Dann geht die Welt vielleicht schneller völlig unter als jemand ausführlich erklären kann warum.)
Als Detail zur beeindruckenden Beschleunigeranlage ist zu erwähnen, dass nicht alle Experimente am CERN das gleiche Gefahrenpotential in sich bergen. Die Kritik konzentriert sich v.a. auf Kollisionen mit schweren Teilchen (z.B. Blei-Ionen). Angesprochen sind der ALICE-, der CMS- und der ATLAS-„Detektor“. Die hallengroßen, am Beschleunigerring angeordneten Anlagen sollen die Zerfallsprodukte Schwarzer Löcher orten und Rekonstruktionen ermöglichen. Der LHC muss also insgesamt eindeutig als „Reaktor“ angesprochen werden.
Vielsagend ist etwa das offizielle Vorhaben, das Quark-Gluon-Plasma am ALICE-Detektor erst am Ende der Laufzeit des LHC zu erzeugen. Ein Schelm, wer da denkt, das geschehe, weil man dies für das Gefährlichste hält. Nun, immerhin findet das Experiment 100m unter der Erdoberfläche statt… Das Quark-Gluon-Plasma soll Sekundenbruchteile nach dem Urknall kurzfristig bestanden haben und könnte im inneren von Neutronensternen (die bekanntlich zu den hellsten Objekten im Weltall zählen), existieren. Nach gängiger Lehre soll es sechs Quarks geben, bei einem davon könnte es sich um „strange matter“ handeln. Ein Plasma aus „seltsamer Materie“ könnte nach einigen Theorien ein „Strangelet“ erzeugen, welches die verfügbare Masse in „strange matter“ umwandelt. Die Folgen für die „Umwelt“ wären ganz ähnlich wie bei einem stabilen Schwarzen Loch: Singularisierung und Vernichtung aller Information sämtlicher Energie und Materie in Reichweite.
Das kurzlebige, am Amerikanischen Teilchenbeschleuniger RHIC erzeugte Quark-Gluon-Plasma, hat sich entgegen den Erwartungen nicht wie ein Gas, sondern eher wie eine Flüssigkeit verhalten: „Die ‚Quantenchromodynamik’ kann diese Abweichung nicht erklären, die String-Theorie aber schon. In ihrem zehndimensionalen Raum würde ein Quark-Gluon-Plasma nämlich ein Schwarzes Loch ergeben.“ Dabei bleibt bislang völlig offen, ob sich die physikalischen Zustände des Plasmas und eines höherdimensionalen Schwarzen Lochs sich mehr oder weniger zufällig gleichen, oder ob sie prinzipiell identisch sind. (Michael Odenwald im Focus vom 26.10.07)
Jedenfalls tauchen genauere Berechnungen, ob und wie viele Schwarze Löcher am LHC entstehen könnten, vermehrt erst seit wenigen Jahren in der Fachliteratur auf, also zu einer Zeit, als das LHC-Projekt schon längst auf Schiene war. Den internationalen Geldgebern ist dabei v.a. folgende Formel leicht plausibel zu machen: Größerer Beschleuniger heißt kleinere Teilchen. Und dies war bislang stets ein schöner wissenschaftlicher Erfolg.
Vor kurzem hielt übrigens Prof. Dirk Baecker einen Vortrag im MQ in Wien. Ich konnte anschließend ganz kurz die betreffende Geschichte ansprechen, um ihm als führendem Systemtheoretiker die Frage zu stellen: Kann es sein, dass ein Großteil der Teilchenphysiker euphorisch an einem Projekt arbeitet, das vielleicht wirklich hoch gefährlich ist? Seine Antwort war knapp und unzweideutig: „Natürlich kann das sein.“ Und er fügte hinzu, dass der Wissenschaft seit jeher das Spiel mit der Apokalypse anhafte.
Vielleicht eignet sich der Stoff für ein schönes Märchen: Ein Weltenschöpfer versichert sich mit Schwarzen Löchern dagegen, dass man ihm auf die Schliche komme. Wenn man glaubt man hat ihn, ist plötzlich alles aus.
Das Realitätsprinzip könnte einfacher sein. Ganz ohne mystische Anklänge formuliert: Wer die Bedingungen des Urknalls herstellt, kann einen großen Knaller ernten.
Wer weiß, ob unter den zahllosen, teilweise unsichtbar ruhenden Schwarzen Löchern im All nicht so einige sind, die von anderen oberschlauen Zauberlehrlingen entfesselt wurden. Vielleicht eilt schon längst eine Weltraumdepesche durch die Galaxie, um andere Zivilisationen zu warnen oder deren apokalyptische Experimente zum Schutz des Universums zu stoppen. Am Ende fressen sich die Schwarzen Löcher noch allesamt auf und der Urknall dreht wieder alles auf Null. Oder: Das Sein ist auf Ewigkeit gefangen. (Dies würde mit unserer beschleunigten Zeit gut korrelieren: Jede künstliche Erzeugung von Schwarzen Löchern würde somit den Untergang des Universums beschleunigen.)
Mein zentrales Argument aber ist also dieses: Die Rede von der Ungefährlichkeit der Schwarzen Löcher am CERN beruht auf waghalsigen Theorien, die zu großen Teilen durch das Experiment erst bestätigt werden sollen. Jenes „minimale“ Risiko, das offenbar von einem Großteil der Wissenschaftler mit einigem Nachfragen eingeräumt wird, müsste in Anbetracht des Zerstörungspotentials eigentlich bei weitem ausreichen, um jedenfalls jene Experimente mit erwartbaren Schwarzen Löchern zum jetzigen Zeitpunkt keinesfalls durchzuführen und auf weitere, genaueste und vielfältige Berechnungen, sowie vor allem auf die Auswertung astrophysikalischer Langzeitbeobachtung zu setzen.
Stattdessen aber ergibt die Recherche viel eher, dass dieses Risiko aus verschiedenen Gründen noch viel höher zu veranschlagen und bislang keinesfalls völlig zu entkräften ist.
Und eines wissen wir vom Physiker-Bewußtsein seit der Erfindung der Atombombe bereits sehr genau: Es baut das Gefährlichste auch einfach nur, weil es fasziniert.
Hiermit sind systemtheoretische Aspekte, die Tendenz zur Selbstreferenzialität wissenschaftlicher Systeme (Autopoiesis) und gruppendynamische Prozesse wie Gruppenzwang, Befangenheit oder das skurrile Wettrennen konkurrierender Forschergruppen am CERN um den Nobelpreis noch gar nicht angesprochen.
Man mag zu Prof. Otto Rössler stehen, wie man will, dieses stimmt sicher: Wenn ein Schwarzes Loch stabil bleibt, dann ist nur noch die Frage, wie schnell es wächst.
Und dass Befürworter des Experiments dann mit Argumenten aufwarten wie jenem, dass es (trotz sehr weit auseinanderliegender Berechnungen) Millionen oder vielleicht Milliarden Jahre dauern würde bis die Erde ganz verschlungen ist, bezeichnet eine historisch bisher unerreichte Spitze. Selbst diese „Sicherheiten“ können offenbar nicht garantiert werden. Außerdem verhielte man sich dabei so, als ob wir für fernere Zukünfte keine Verantwortung mehr hätten. Die Hominidenevolution hat schließlich auch Millionen von Jahren gedauert. An sich wäre jede Erdzerstörung vor dem astronomischen Ablaufdatum unserer Sonne in mehreren Milliarden Jahren eine unendlich beschämende Niederlage und ein unverzeihliches Verbrechen. Man hätte noch genügend Zeit, die Forschung auf diesen ultimativen Ernstfall auszurichten.
Experimentelle Teilchenphysik der beschriebenen Form ist ein herausragendes Tappen im Dunklen. Es ist wesentlich ein Ausprobieren von etwas, bei dem man nicht weiß, was herauskommt. Die Praxis ist der Theorie voraus: Wir können eine mächtige Maschine bauen, wissen aber nicht, was genau sie produzieren wird. Und umgekehrt ist die Theorie der Praxis voraus, insofern sie auf Annahmen von Annahmen aufbaut, die noch nie empirisch bewiesen wurden und von denen man sich allenfalls Theorien über Hinweise macht.
Eine intensivere Debatte über die Thematik - von Seiten der Physik wie v.a. auch anderer Wissenschaften - wäre nun höchst an der Zeit. Ein Beschleuniger von der Dimension des LHC ist kein lustiges Teilchenkarussell, in dem ein paar sympathische zerstreute Professoren unnötigerweise mit Helmen herumlaufen, weil sich dereinst einer beim Durchkraxeln unter dem Strahlführungssystem eine Beule geholt hat. Das „größte und komplizierteste Stück Technik, das die Menschheit jemals hervorgebracht hat“ ist ein Reaktor zur Erzeugung von Zuständen, wie sie schon seit Jahrmilliarden nicht mehr existiert haben oder auch außerhalb der Erde noch nie beobachtet wurden. Die bisherigen Beschwichtigungen zum Sicherheitsaspekt reichen von arrogant über naiv bis zur offen fahrlässigen Ironie oder verschieben das Risiko auf zukünftige Generationen.
Im Vergleich zur Kernspaltung oder Kernfusion verlangsamt sich die Kettenreaktion eines stabilen Schwarzen Loches nicht, wenn man dem Reaktor keine hohen Energien mehr zuführt, dies ist der wesentliche Unterschied.
Zwischenbilanz: Möge man doch alles, was es mit Schwarzen Löchern - mit jener absoluten Negativität im Universum - auf sich hat, vorzugsweise auf einem anderen Himmelskörper testen, als ausgerechnet auf jenem, der uns zum Leben einzig zur Verfügung steht.
2008-08-11 | achtphasen | 14:05:12 |
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