Ich verfolge mit großer Anteilnahme die Diskussion über mögliche Gefahren durch Experimente am Kernforschungszentrum CERN.
 
Die Dramatik der Kontroverse liegt wesentlich in einem Punkt: der Risikoabschätzung einer möglichen Gefährdung der Existenz unseres Planeten und den Folgen. Gegenüber allen anderen bisherigen Experimenten (ausgenommen dem Trinity-Atomtest)haben diese eine andere Qualität. Geht es doch nicht um nicht auszuschließende, aber kalkulierbare Gefahren für wenige (z.B. für die Beteiligten)oder begrenzte Zeiten und Räume, sondern um die Gefahr der Vernichtung allen Lebens und der Erde. Ich kann dieses Risiko nicht einschätzen. Dies ist nicht zu entkräften mit dem Hinweis auf den Trinity-Atomtest, weil das Befürchtete nicht eintrat. Es ist weder eine Rechtfertigung für die damals Entscheidenden noch ein Maßstab für heutiges Handeln, im Gegenteil.
 
Es zählt auch die Zahl der Wissenschaftler nicht, die an den Experimenten beteiligt sind, auch nicht die Berufung auf bedeutende international anerkannte Wissenschaftler wie z. B. Hawkins. Popper hat schon darauf hingewiesen: Die Aussage “Alle Schwäne sind weiß” wird - so viele es sein mögen - dadurch falsifiziert, dass ein einziger Schwan schwarz ist. In der Wissenschaft zählt nur das stichhaltige Argument, nicht eine Mehrheit von Wissenschaftlern, die etwas meinen, glauben, für richtig halten. Es zählt auch, wann stichhaltige Argumente auftauchen. Sie verlieren nichrt durch “den letzten Augenblick” an Gewicht, eher ist es umgekehrt.
 
Jaspers postuliert, dass erst der in der Lage sei, gegen etwas zu argumentieren, der sich vorher ganz in die Position des Gegners hinein versetzt und versucht, sie zu vertreten. Zur wissenschaftlichen Erkenntnisfindung gehört auch, eigene Irrtümer für möglich zu halten, und die Bereitschaft, sie zu korrigieren.
 
Die in Gang gekommene Diskussion zwischen Rössler, Müller und anderen einschließlich ihrer Darstellung im “Abenteuer Wissen” des ZDF durch Lehmacher ist ein hoffnungsvoller Anfang. Aber es ist nur ein Anfang. Ein detaillierter Sicherheitsbericht des CERN, der alle Aspekte berücksichtigt und selbstverständlich zu diskutieren wäre, liegt m. E. nicht vor. Schon die jetzige Diskussion zeigt offene Fragen, nicht nur die nach der Realität der Hawking-Strahlung, die auch nach Müller nur als Theorie abgesichert ist.
 
Eine Konferenz der Experten ist mithin überfällig und nicht nur der Experten, und zwar bevor die LHC-Experimente in Gang gesetzt werden.
 
Es gibt noch einen wesentlicheren Aspekt. Es geht nicht an, dass hier Physiker über dieses Gefahrenrisiko entscheiden. d. h. dass wir den Maßstäben der Experimentalphysiker, Erkenntnisse zu gewinnen, ausgeliefert sind. Eine solche sich etablierende autonome Gruppe macht Angst.
 
“…dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammen hält” ist nicht auf Kernforschung reduzierbar. Neben anderem wird hier der Mensch mit seiner Kultur, Philosophie, Kunst u. a., seinem Bewußtsein, seiner ethischen Verantwortung völlig ausgeblendet. Hier verschwindet möglicherweise eben nicht nur Materie in einem “schwarzen Loch".
 
Die Risikoabwägung darf keine naturwissenschaftliche sein, sondern kann nur eine politische, eine ethisch-politische sein. Das heißt, die Ergebnisse der Konferenz der Experten kann nur Grundlage einer politischen Entscheidung sein, die sich der Verantwortung für diesen von uns Menschen bewohnten Planeten bewußt ist.

Hartwig Struckmeyer | http://www.kosmologs.de/kosmo/blog/promotion-mit-interferenzen/allgemein/2008-04-01/das-ende-der-welt | 12.06.2008

2008-06-13 | achtphasen | 13:13:04 | Email | 2 comments




 

Comment from: Moreno [Visitor] · http://no url
Grüezi Herr Struckmeyer Müssen wir nun Angst haben oder nicht? Also ich habe ne Menge davon! Derweil versuche ich, mich mit Informationen zu beruhigen, was mir jedoch bis heute nicht gelungen ist. Grüsse Moreno aus Zürich
PermalinkPermalink 2008-08-04 | 19:37
Comment from: achtphasen [Member] Email
Hallo Moreno aus Züri

ich bin der Webmaster und Websiteeigner und leite Ihren Kommentar an Herrn Pellegrino weiter, der sie wohl an Herrn Struckmeyer weiterleiten wird.

Doch weil Sie schreiben, dass Sie Angst haben und Informationen suchen, erlaube ich mir Ihnen kurz mitzuteilen, dass Prof. Rösslers Theorie als widerlegt gilt - seit neustem hat sich 'höchste' physikalische Autorität bemüht eine Widerlegung der Rössler'schen Theoreme zu veröffentlichen http://www.ketweb.de/Stellungnahme_010808/Roessler1.pdf .

Wirklich beruhigend ist das zwar auch nicht unbedingt - doch wollte ich mit 'meiner' Website sicher nicht Angst sondern Aufklärung über die Risiken der HochEnergiePhysik wirken ... es gäbe so viel Wesentlicheres, Ungefährlicheres und Lebensbefördernderes zu tun auf der Welt als mit dem Holzhammer im Allerkleinsten zu wüten.

Es tut mir ehrlich leid, wenn Sie Angst haben. Ich habe keine Angst (mehr) - ich gehe davon aus, dass gar nichts aus den Protonenkollisionen resultieren wird - weder das gesuchte HiggsBoson wird gefunden werden noch werden schwarze Löcher generiert werden - Nichts wird geschehen - sehr viel Intelligenz und sehr viel Energie und auch sehr viel Geld wird verbraucht doch wird nichts Unheilvolles geschehen! so denke ich - doch bin ich, wie Sie wahrscheinlich auch nicht - nicht befähigt, mir über die letztlichen Risiken sicher zu sein.

Wäre ich zuständig für die Durchführung solcher Experimente würde ich sicherlich ganz unbedingt ZUERST die Existenz der postulierten HawkingsRadiation beweisen und erst NACH bewiesener Harmlosigkeit allfällig erzeugter miniaturkleiner schwarzer Löcher würde ich die Experimente starten. Doch ich bin nicht in dieser Position und wäre ich es, dann gäbe es solche Experimente so nicht.
Den Hunger auf der Welt zu überwinden helfen wäre mir wesentlich wichtiger als das HiggsBoson zu finden - obschon ich zugeben muss von den relativistischen und quantenphysikalischen Welterklärungsmodellen fasziniert zu sein.

Als weiteres möglicherweise beruhigendes Argument fällt mir ein, dass die Weiterexistenz des individuellen physischen Lebens zu jedem Zeitpunkt ungewiss ist - Asteroiden, Verkehrsunfall und vieles mehr sind wahrscheinlichere Todesursachen als die Vernichtung von allem durch die LHC-Experimente.

Mit freundlichen Grüssen
Marc Fasnacht
PermalinkPermalink 2008-08-04 | 20:19
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